Schadow

Schadow

Schadow, 1) Johann Gottfried, Bildhauer, geb. 20. Mai 1764 in Berlin, gest. daselbst 27. Jan. 1850, besuchte das Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin, erhielt daneben von einem Bildhauer Zeichenunterricht, kam dann in das Atelier des Bildhauers Tassaert, entfloh aber bald mit einer jungen Österreicherin nach Wien, wo er sich mit ihr vermählte, und besuchte von da 1785 auf Kosten seines Schwiegervaters Italien. Hier widmete er sich dem Studium der Antike und gewann schon im folgenden Jahre mit einer Gruppe des Perseus und der Andromeda einen Preis. Nach Berlin zurückgekehrt, wurde er 1788 an Stelle des verstorbenen Tassaert Hofbildhauer. Sein erstes größeres Werk war hier das Denkmal des im Knabenalter verstorbenen Grafen von der Mark, eines natürlichen Sohnes des Königs Friedrich Wilhelm II., in der Dorotheenkirche zu Berlin (1790), eine noch im Geiste der Rokokozeit gehaltene allegorische Komposition, deren Einzelheiten bereits sein seines Naturgefühl zeigen (s. Tafel »Bildhauerkunst XII«, Fig. 5 u. 6). Im J. 1795 modellierte er die Quadriga für das neuerrichtete Brandenburger Tor, die von Jury in Potsdam in Kupfer getrieben wurde. Andre Werke aus derselben Zeit sind: die Reliefs im Parole- und gelben Pfeilersaal des königlichen Schlosses in Berlin; die Marmorstatue Friedrichs d. Gr. in Stettin; die des Generals v. Zieten, die erste historisch-realistische Porträtstatue der neuern deutschen Kunst (das Marmororiginal im Kaiser Friedrich-Museum, eine Bronzenachbildung auf dem Wilhelmsplatz in Berlin); die höchsten Liebreiz ausstrahlende, ursprünglich als Modell für die Porzellanmanufaktur entworfene Marmorgruppe der nachmaligen Königin Luise und ihrer Schwester, der Prinzessin Friederike, nachmaligen Königin von Hannover, im Berliner Schloß, das Originalmodell in der Nationalgalerie (s. Tafel »Bildhauerkunst XII«, Fig. 4); das Denkmal des Generals Tauentzien in Breslau (ein Sarkophag, auf welchem eine Bellona ruht); die Marmorfigur eines ruhenden Mädchens (Berliner Nationalgalerie); das Denkmal des Ministers v. Arnim in Boitzenburg und das Relief am Münzgebäude in Berlin. Unter Friedrich Wilhelm III. führte er das Standbild des Fürsten Leopold von Dessau auf dem Wilhelmsplatz in Berlin (das Marmororiginal ebenfalls im Kaiser Friedrich-Museum), das Blüchers in Rostock (mit Inschrift von Goethe), in dem er sich dem Wunsch nach einer Art antiker Barbarentracht fügen mußte, und die 1821 enthüllte Lutherstatue in Wittenberg aus. Von seinen zahlreichen kleinern Werken sind zu erwähnen die Büsten von Hufeland, Graun, Sebastian Bach, Lessing u.a. Für die Walhalla schuf er mehrere Büsten deutscher Kaiser und Könige sowie die von Kant, Klopstock, Haller, Johannes v. Müller, Friedrich d. Gr., Wieland u.a., die zum Teil von seinen Schülern Karl Wichmann, Tieck, Rauch, Kiß und von seinen Söhnen Rudolf und Wilhelm ausgeführt wurden. Es gibt auch mehrere trefflich radierte Blätter (die drei Grazien, fünf Figurenstudien, sechs sehr seltene Blätter mit Karikaturen auf Napoleon I. und die französische Armee u.a.) und eine Anzahl Steinzeichnungen von ihm. Eine Auswahl der mehr als 1000 Handzeichnungen im Besitze der Berliner Akademie gab Dobbert heraus (40 Tafeln in Farbenlichtdruck, Berl. 1886). S. war seit 1805 Rektor, seit 1816 bis zu seinem Tode Direktor der Akademie der Künste in Berlin. Seine Bedeutung wird nicht mehr wie früher in seinem Studium der Antike gefunden, sondern in dem starken Wirklichkeitssinn, den er aus der Rokokozeit in eine auf allgemeine ideale Schönheit ausgehende Zeit hinüberrettete. Auch als Kunstschriftsteller machte er sich bekannt durch »Wittenbergs Denkmäler der Bildnerei, Baukunst und Malerei, mit historischen und artistischen Erläuterungen« (Wittenb. 1825); »Polyklet, oder von den Maßen des Menschen nach dem Geschlecht und Alter« (Berl. 1834, 10. Aufl. 1905; 31 Tafeln mit Text); die »Nationalphysiognomien« (das. 1835) und die »Kunstwerke und Kunstansichten« (das. 1849). »Aufsätze und Briefe« Schadows gab Friedländer heraus (Düsseld. 1864; 2. Aufl., Stuttg. 1890). Vgl. Dobbert, Gottfried S., Vortrag (Berl. 1887); Laban, J. G. Schadows Tonbüste der Prinzessin Louis in der königlichen Nationalgalerie (»Jahrbuch der königlich preußischen Kunstsammlungen«, 1903). – Sein Sohn Rudolf, geb. 9. Juli 1786 in Rom, bildete sich bei seinem Vater in Berlin, dann in Rom, wohin er mit seinem Bruder ging, unter Leitung Canovas und Thorwaldsens, starb aber daselbst schon 31. Jan. 1822. Von seinen Werken sind eine Sandalenbinderin und eine Spinnerin, ein Liebesgott, ein Diskoswerfer und die Büste Händels für die Walhalla zu nennen.

2) Friedrich Wilh. von S.-Godenhaus, Maler, zweiter Sohn des vorigen, geb. 6. Sept. 1789 in Berlin, gest. 19. März 1862 in Düsseldorf, begann seine Studien unter Leitung seines Vaters und übte sich dann unter Weitsch in der Malerei. Die Jahre 1806 und 1807 riefen ihn zum Kriegsdienst, und erst 1810 konnte er in Rom seine Studien wieder aufnehmen. Hier stand er in engem Verkehr mit Cornelius, Overbeck, Veit u.a., bildete sich namentlich an den Werken der alten italienischen Meister und wählte am liebsten Gegenstände aus der Bibel oder aus dem Bereich der mystischen Allegorie zur Darstellung. 1814 trat er zum Katholizismus über. Er malte damals unter anderm eine Himmelskönigin für Frau v. Humboldt, eine heilige Familie und das lebensgroße Bildnis einer Römerin für den damaligen Kronprinzen Ludwig von Bayern. Seine Hauptwerke aus der römischen Zeit sind die Fresken für die Casa Bartholdy: Jakob mit Josephs blutigem Rock und Joseph im Gefängnis (jetzt in der Berliner Nationalgalerie). 1819 wurde er als Professor der Kunstakademie nach Berlin berufen, wo er unter anderm ein großes Bacchanal an der Decke des Proszeniums im neuen Schauspielhaus, zahlreiche Porträte und für die Garnisonkirche in Potsdam eine Anbetung der Könige (1824) malte. Nach Cornelius' Abgang an die Akademie in München ward S. 1826 zum Direktor der Akademie in Düsseldorf ernannt, wohin er sich 1827 mit mehreren Schülern, Hildebrandt, Hübner, Lessing und Sohn, begab, die der Stamm der neuen Düsseldorfer Malerschule wurden. S. malte in Düsseldorf historische Bilder und Porträte. Aufsehen erregte namentlich das Bild der Mignon nach Goethes »Wilhelm Meister«. Sein gelungenstes Werk aus dieser Periode sind die klugen und törichten Jungfrauen, 1837 im Karton und dann in Öl für das Städelsche Institut in Frankfurt a. M. ausgeführt. Derselben Zeit gehören an: eine Charitas (1830), Christus auf dem Ölberg (Marktkirche in Hannover), Christus und die Jünger von Emmaus (Berliner Nationalgalerie), Christi Leichnam im Schoß der Mutter, von Engeln umgeben (1836, Pfarrkirche in Dülmen). 1843 ward er in den preußischen Adelstand erhoben und ihm gestattet, den Namen seines Rittergutes Godenhaus seinem Familiennamen hinzuzufügen. Auch als Schriftsteller hat sich S. bekannt gemacht, so durch die Vorlesung »Über den Einfluß des Christentums auf die bildende Kunst« (Düsseld. 1843) und die Novelle »Der moderne Vasari. Erinnerungen aus dem Künstlerleben« (Berl. 1854). S. verwaltete das Düsseldorfer Direktorat bis 1859. Er war weniger ein schöpferisches Talent als eine hervorragende Lehrkraft. Im Gegensatz zu Cornelius legte er einen besondern Nachdruck auf die Ölmalerei, ohne jedoch realistischen Bestrebungen zu folgen. Eine Zeitlang hat er auf die kirchliche Malerei in den Rheinlanden einen großen, aber einseitigen Einfluß geübt. Vgl. J. Hübner, S. und seine Schule (Bonn 1869).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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