Lehrwerkstätten

Lehrwerkstätten

Lehrwerkstätten sind Werkstätten, in denen die Schüler methodisch und schulmäßig in den technischen Kunstgriffen ihres Gewerbes unterrichtet werden. Sie dienen dazu, die übliche und nicht selten mangelhafte Unterweisung durch den Arbeitgeber zu ersetzen oder zu ergänzen. Vielfach empfängt der Lehrling bei der heutigen weitgehenden Arbeitsteilung und der Entwickelung des Fabrikbetriebs nur eine dürftige und einseitige technische Ausbildung, soz. B. bei Uhrmachern, die sich nur mit Ausbesserung und Reinigung von Uhren befassen, bei vielen kleinen Schneidern, Schuhmachern, Schreinern, Malern, Schlossern, Klempnern etc. Oder der Lehrling ist bei seinem Meister zwar in moralischer Beziehung gut aufgehoben, dieser ist aber selbst nicht genügend ausgebildet, um einen guten Lehrherrn abgeben zu können. Da sind L. das Mittel, um auch den Lehrlingen solcher Lehrherren zu einer guten technischen Ausbildung zu verhelfen. Die Einrichtung der L. und des Lehrwerkstättenunterrichts muß je nach den Verhältnissen der einzelnen Gewerbe und der örtlichen wie persönlichen Bedürfnisse (wichtig besonders auch für die verschiedenen hausindustriell vertretenen Gewerbearten) eine verschiedene sein. Die L. können sich nur auf ein Gewerbe oder auch auf mehrere verwandte Gewerbe erstrecken. Sie können entweder ausschließlich die praktische Ausbildung der Lehrlinge herbeiführen, oder nur zur Ergänzung der gewöhnlichen Werkstattlehre dienen. Die Schüler der L. können entweder nur in der Lehrwerkstätte (vor oder nach der gewöhnlichen Werkstattlehre) oder zugleich bei einem andern Lehrherrn beschäftigt sein und im letztern Fall nur zeitweise in der Lehrwerkstätte arbeiten. Endlich können die L. entweder reine L., d.h. Anstalten nur für die praktische Ausbildung, oder zugleich auch noch theoretische Unterrichtsanstalten sein. Es ist in erster Reihe Aufgabe der Gewerbtreibenden selbst, namentlich der Gewerbevereine und Innungen, auch großer Fabrikanten mit vielseitigem Betrieb, für solche L. zu sorgen; aber wo die Privattätigkeit nicht ausreicht, haben auch die Gemeinden und der Staat mitzuwirken. L. entstanden zuerst (schon seit den 30er Jahren) und in größerer Zahl in Belgien, namentlich auf dem Gebiete der Textilindustrie (Webschulen). In neuerer Zeit ist die Bewegung zugunsten von L. am stärksten in Frankreich; seit 1873 besteht das Bestreben, über das ganze Land ein Netz von L. (Écoles d'apprentissage) zu verbreiten. Nach dem Gesetz vom 11. Dez. 1880 sind die von den Gemeinden oder Departements errichteten L. zu den öffentlichen Elementaranstalten zu rechnen; für L. sind staatliche Unterstützungen vorgesehen. Die französischen L. sind in der Regel zugleich Fachschulen (s. d.), einzelne sind auch mit Volksschulen verbunden. Zu den L. gehören auch die Écoles nationales des arts et métiers, Staatslehrwerkstätten zur Ausbildung von chefs d'ateliers und industriels, insbes. für Schmiede, Schlosser, Dreher, Modelltischlerei etc., ferner die Écoles pour l'enseignement technique und die Écoles industrielles. In Österreich sind seit 1889 vom Staat zahlreiche kunstgewerbliche und andre L. begründet worden. In Italien gibt es niedere, mittlere und höhere L., scuoli industriali e professionali, von denen die L. des Don Bosco berühmt geworden sind. Auch Holland, Dänemark, Schweden haben L. In Deutschland, wo die L. teilweise mit theoretischem Unterricht verbunden sind, gibt es solche für Blecharbeiter in Aue (Sachsen), für Uhrmacher in Glashütte (Sachsen) und Furtwangen (Baden), für Holz- und Beinschnitzer in Furtwangen, Hornberg, Rottweil, Rottenburg, Partenkirchen und in andern bayrischen Orten, für Keramiker in Grenzhausen-Höhr, Landshut, für Korbflechter in Heinsberg, Metzingen, für Weberei in Reutlingen, Heidenheim, Sindelfingen, Laichingen, Passau, Münchberg, für Goldschmiede und Ziseleure in Gmünd, Heilbronn, für Maschinentechniker in Nürnberg und Ansbach, für die Stahlwaren- und Kleineisenindustrie in Remscheid etc. Besonders zahlreich sind in Deutschland (namentlich in Preußen und Baden) die L. bei den Staatseisenbahnen. Vgl. K. Bücher, Die gewerbliche Bildungsfrage etc. (Eisenach 1877) und Lehrlingsfrage und gewerbliche Bildung in Frankreich (das. 1878); Grothe, Die technischen Fachschulen in Europa und Amerika (Berl. 1882) und Fachschulen und Unterrichtsanstalten für Textilindustrie (das. 1879); Bartholdy, Gewerbliche Ausbildung durch Schule und Werkstatt (Kolmar 1889); Scheven, Die Lehrwerkstätte (1. Bd., Tübing. 1894); die »Denkschriften über die Entwickelung der Fortbildungsschulen und der gewerblichen Fachschulen in Preußen« (Berl. 1891, 1896, 1902); Ridder, De l'enseignement professionnelen Belgique (Brüss. 1884); Genauck, Die gewerbliche Erziehung durch Schulen, L. etc. im Königreich Belgien (Reichenberg 1886–87, 2 Tle.).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

Игры ⚽ Нужно решить контрольную?

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Haus Düsse — Das Landwirtschaftszentrum Haus Düsse mit Zentrum für Nachwachsende Rohstoffe NRW ist eine 1641 von Adrian van der Düssen erbaute Wasserburg und dient heute der Landwirtschaftskammer Nordrhein Westfalen als zentrale Lehr und Versuchsanstalt für… …   Deutsch Wikipedia

  • Bildungssystem in Italien — Das Bildungssystem in Italien wird im Allgemeinen durch nationale Gesetze geregelt und ist daher weitgehend einheitlich. Innerhalb der Exekutive ist das Ministerium für Unterricht, Universitäten und Forschung für das Schul und Hochschulwesen… …   Deutsch Wikipedia

  • Berufliche Grundbildung — Die berufliche Grundbildung schliesst in der Schweiz an die obligatorische Schule oder einer gleichwertigen Qualifikation an. Sie ermöglicht den Jugendlichen einen Einstieg in die Arbeitswelt und sorgt so zugleich für den Nachwuchs an… …   Deutsch Wikipedia

  • Berufsbildungswerk München - Förderschwerpunkt Hören und Sprache — Berufsbildungswerk München Einrichtungsname Berufsbildungswerk München – Förderschwerpunkt Hören und Sprache …   Deutsch Wikipedia

  • Eduard Ege — (* 17. Februar 1893 in Stuttgart; † 10. August 1978 in München) war ein deutscher Maler, Graphiker und Holzschneider. Münchner Wappen …   Deutsch Wikipedia

  • Italienisches Schulsystem — Das Schulsystem in Italien sieht eine Schulpflicht von 6 bis 14 Jahren sowie eine Pflicht zur Teilnahme an Ausbildungsmaßnahmen bis zum vollendeten 18. Lebensjahr vor. Von 2000 bis zur Einführung der Ausbildungspflicht bis zum 18. Lebensjahr im… …   Deutsch Wikipedia

  • Jugend am Werk — Zweck: Förderung eines selbstbestimmten Lebens junger Menschen Vorsitz: Geschäftsführer: Dr. Walter Schaffraneck; Vorsitzende: Prof. …   Deutsch Wikipedia

  • Nuestros Pequeños Hermanos — (deutsch Unsere kleinen Brüder und Schwestern) ist ein 1954 in Mexiko vom US amerikanischen katholischen Priester William Wasson gegründetes christliches Kinderhilfswerk. Die Hilfsorganisation unterhält Waisenhäuser in mehreren Staaten… …   Deutsch Wikipedia

  • Schulsystem in Italien — Das Schulsystem in Italien sieht eine Schulpflicht von 6 bis 14 Jahren sowie eine Pflicht zur Teilnahme an Ausbildungsmaßnahmen bis zum vollendeten 18. Lebensjahr vor. Von 2000 bis zur Einführung der Ausbildungspflicht bis zum 18. Lebensjahr im… …   Deutsch Wikipedia

  • Unsere kleinen Brüder und Schwestern — Nuestros Pequeños Hermanos (deutsch: Unsere kleinen Brüder und Schwestern) ist ein 1954 in Mexiko vom US amerikanischen katholischen Priester William Wasson gegründetes christliches Kinderhilfswerk. Die Hilfsorganisation unterhält Waisenhäuser in …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”