Clearinghaus

Clearinghaus

Clearinghaus (engl., spr. klīring-, Liquidationskontor, Ausgleichungs-, Abrechnungshaus), eine Anstalt, an der mehrere Bankiers ihre gegenseitigen Forderungen aus Wechseln, Schecks, überhaupt aus auf Sicht zahlbaren Papieren begleichen. Die älteste derartige Einrichtung wurde 1775 in London als Privatanstalt ins Leben gerufen. 1854 wurden die großen Londoner Joint-Stock-Banken im C. aufgenommen, 1864 trat ihm die Bank von England bei. Dem Londoner Clearinghouse gehören außer der Bank von England die größten Londoner Bankfirmen als unmittelbare Teilnehmer an, deren Kommis sich täglich in einem bestimmten Hause der City versammeln, um zuerst auf besondern Listen (Skontroblatt) festzustellen, wieviel jede der Firmen von jeder der andern zu fordern und wieviel sie an dieselbe zu zahlen hat, und um dann den Saldo dieser beiden Beträge zu begleichen, resp. einzunehmen. Seit 1865 sind auch die Effekten von Banken, die nicht in London ihren Sitz haben, aber Korrespondenten einer der Clearingbanken sind, durch sogen. Country-Clearing in die Kompensation einbezogen. Da alle bedeutenden Handelshäuser und viele reiche Privatleute ihre Einkassierungen und Auszahlungen durch eins jener Mitglieder des Clearinghauses besorgen lassen, so konzentriert sich fast der ganze Geldverkehr Londons und ein großer Teil des Geldverkehrs der Provinz im C. Früher wurden die Saldos in bar beglichen. Seit 1864 hat die Bank von England (daher bankers' bank genannt) die Ausgleichung übernommen (etwa 5 Proz. aller Umsätze). Jedes Mitglied berechnet aus den Einzelsaldos, die sich bei der Abrechnung ergeben, einen Gesamtsaldo, der ein aktiver oder ein passiver ist. Dieser wird dann dadurch beglichen, daß mittels eines Übertragungsscheines (transfer-ticket) die Englische Bank, bei der alle Mitglieder ein Konto haben, beauftragt wird, den entsprechenden Betrag dem betreffenden Mitglied gutzuschreiben, bez. zu belasten. Der Gesamtumsatz im C. betrug 1868, von wo ab regelmäßige Ausweise vorliegen, 3425 Mill. Pfd. Sterl. und stieg mit kleinern Unterbrechungen auf 10,029 Mill. Pfd. Sterl. im J. 1902. Dabei sind die Umsätze im Country-Clearing nicht einbegriffen. Auch in Manchester, Liverpool, Newcastle, Birmingham, Bristol, Leicester, Edinburg, Glasgow, Dublin sind Clearinghäuser eingerichtet.

Noch großartiger, wenn auch nicht so einheitlich als in England, hat sich der Clearingverkehr in den Vereinigten Staaten von Nordamerika entwickelt. Das bedeutendste C. ist das von New York, gegründet 1853, an dem zuerst 50, später 67, zurzeit 62 Banken beteiligt sind, und dessen Umsätze in Millionen Dollar je in den am 1. Okt. endenden Jahren:

Tabelle

betrugen. Im ganzen bestehen in den Vereinigten Staaten 97 Clearinghäuser, deren Gesamtumsatz sich 1902 auf 118,118,839,000 Doll. stellte. An Barmitteln zur Ausgleichung waren jährlich 3,5–6,5 Proz. nötig. Nach dem Vorbilde des Londoner Clearinghauses sind seit 1883 in größern deutschen Handelsstädten Abrechnungsstellen eingerichtet (s. Abrechnung). Gleichen Zwecken dient der 1864 in Wien und der 1888 in Budapest errichtete Saldierungsverein, dem auch die Österreichisch-Ungarische Bank und seit 1898 die Postsparkasse angehören, die in einigen italienischen Städten (Genua, Mailand, Rom, Bologna, Florenz) bestehenden Stanze di Compensazione, die 1872 in Paris eingerichtete Chambre de compensation des banquiers, neben der die Bank von Frankreich (ebenso wie die österreichisch-ungarische und die deutsche Reichsbank) den Giroverkehr (s.d.) eifrig pflegt. Seit 1847 besorgt ein besonderes C. (Rail-way Clearing-House) für die englischen Eisenbahngesellschaften die Berechnung der Anteile, die den einzelnen am Ertrag des durchgehenden Verkehrs zukommen, und vermittelt die Auszahlung der Beträge; ein gleiches tun die in Österreich-Ungarn und in Deutschland errichteten Eisenbahnabrechnungsstellen (s.d.). Ähnlichen Aufgaben dienen die Abwickelungen der Lieferungsgeschäfte bei Börsen, wie die des Londoner Stockexchange-clearing, der Liquidationsverein in Berlin, das Arrangementsbureau in Wien. Vgl. Seyd, Das Londoner Bank-, Scheck- und Clearinghousesystem (Leipz. 1874); Jevons, Geld und Geldverkehr (deutsch, das. 1876); Rauchberg, Der Clearing- und Giroverkehr (Wien 1886); W. Howarth, Our Clearingsystem and Clearing-Houses (Lond. 1884); Cannon, Clearing-houses. History, methods, administration (das. 1901); Artikel »Abrechnungsstellen« (von R. Koch) und C. (von Rauchberg) im »Handwörterbuch der Staatswissenschaften«, Bd. 1 u. 3 (2. Aufl., Jena 1898 u. 1900).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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