Wagen [2]

Wagen [2]

Wagen, Fuhrwerk mit (gewöhnlich vier) Rädern. Der Gebrauch der W. reicht bei den Ägyptern bis mindestens um 2000 v. Chr. hinauf; um 1300 führten die Ägypter zweiräderige Streitwagen (s. d.) mit sechsspeichigen Rädern und unmittelbar auf der Achse stehendem Wagenkasten. An ihm war die Deichsel unbeweglich befestigt, sie trug vorn das Joch mit Polster, das am Widerrist durch Riemen um Brust und Bauch des Pferdes geschnallt wurde. Für wirtschaftliche Zwecke waren auch W. mit Scheibenrädern, durch Rinder gezogen, gebräuchlich. Vierräderige W. dienten nur religiösen Zwecken. Um 1200 hatten die Assyrer Karren mit zwei Speichenrädern und einem mit seiner Mitte auf der Achse stehenden Kasten. Ebenso zeigen die Streitwagen der Griechen des heroischen Zeitalters (Kleinasien) auffallende Übereinstimmung mit den ägyptischen. In der historischen Zeit Griechenlands waren sie, leichter und eleganter gebaut, bei den festlichen Spielen im Gebrauch. Das Fahren zu W. galt als ein Zeichen von Üppigkeit und Hochmut und wurde selbst Frauen ungern gestattet. Als Lastfuhrwerke dienten vierräderige W. Die Perser galten als Erfinder der Sichelwagen (s. d.). Die Römer hatten sehr leichte Rennwagen (currus, s. d., oder curricula); als Last- und Personenwagen kamen zwei- und vierräderige W. vor. Als unbedeckter Reisewagen, besonders zum Schnellreifen, diente das Cisium (s. d.); für den Stadt- und Landverkehr war das aus Britannien stammende Essedum (s. d.) sowie der Covanus im Gebrauch. Bedeckt war außerdem das zweiräderige Carpentum (s. d.), während die vierräderige Carruca ([carosse] s. d.), der eigentliche Galawagen, offen war. Das Pilentum (s. d.) wurde nur von Matronen benutzt. Als gewöhnlicher vierräderiger Reisewagen diente die Rheda, der russischen Kibitke ähnlich. Die herrschaftliche Rheda ähnelt der noch heute in der Türkei gebräuchlichen Araba oder Kotscky. Wie die Sarmaten, nach Tacitus, auf W. wohnten, so früher auch die Deutschen Die fürstlichen W. in der merowingischen Zeit waren mit Ochsen bespannte Kaeren, durch Rinderhirten geführt; Karl d. Gr. fuhr mit vier Ochsen; Ende des 12. Jahrh. wurden die W. schon durch Pferde gezogen, die mit Kumten und Zugsträngen beschirrt waren. Ende des 13. Jahrh. waren schon vierräderige W. gebräuchlich; um 1500 waren Karren und Pferdebeschirrung dieselben, wie noch heute am Rhein und in Frankreich; bald darauf kamen vierräderige W. mit Lenkscheit (Reibscheit, Reibschiene, einer meist gebogenen Schiene, die durch das Vordergewicht der Deichsel von unten gegen den Hinterwagen gedrückt wird) in Gebrauch, deren Wagenkasten in Riemen über dem Untergestell hing. Hieraus entstanden um 1600 die Luxuswagen mit geschlossenem Wagenkasten unter dem Namen Kutsche. Um ihre Lenkbarkeit zu erhöhen, wurden um 1650 die beiden Langbäume nach oben gebogen, so daß die niedrigen Vorderräder unter ihnen Platz fanden (unterlaufende Räder); auf dem Vorderwagen war ein besonderer Kutschersitz. Gegen Ende des 17. Jahrh. wurden in Berlin gebaute Kutschen unter dem Namen »Berlinen« eingeführt, bei denen der viersitzige Kutschkasten über den sehr hoch gekröpften Lang bäumen aufgehängt war, so daß die Vorderräder höher sein und doch unterlaufen konnten. Der Kutschkasten hatte zwei bis auf den Boden reichende Türen und hing in Riemen an hölzernen oder stählernen Federn. Um die Mitte des 18. Jahrh. kamen die in C-Federn hängenden zweisitzigen Halbberlinen, gegen Ende des Jahrhunderts Kutschen (Stadtberline) mit beweglichem Verdeck (zurückgeschlagenem Himmel), in Frankreich und England das zweiräderige Kabriolett, dem römischen Cisium nachgebildet, auf. Um 1800 wurden in England Kutschen ohne Langbaum gebaut, deren Kasten auf elliptischen Federn ruhte. Diese Konstruktionsbedingungen gelten noch für unsre heutigen Luxuswagen. Die Bauart der Arbeitswagen. Ackerwagen etc. ist erst in neuerer Zeit gefördert worden. Während die Untergestelle in allem Wesentlichen sich gleichen, paßt man den Laderaum der Obergestelle, die zum Befördern von Stoffen wesentlich verschiedenen spezifischen Gewichts dienen, den verschiedenen Zwecken an. Bei den Ackerwagen wird dies durch Verlängern und Verkürzen des Untergestells und durch Aufsetzen von Leitern oder Kasten besorgt, oder es wird, wie bei den Hornburger Ackerwagen, auf den zum Fahren von Erde und Steinen sowie von Rüben, Kartoffeln, Stallmist etc. dienenden festen, durch Aufsetzen von besondern Brettern einstellbaren Wagenkasten ein weit ausladendes Gerüst aufgelegt, wenn der W. zur Ernte von Getreide und zum Transport sperrigen Gutes (Heu, Stroh) benutzt werden soll. Bei dem W. der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft können die Kastenwände, ähnlich wie bei den bekannten W. für Feldeisenbahnen (s. d.), seitlich herabgeklappt werden, um zum Verladen von Getreide, Heu, Stroh etc. eine über die Spur weit ausladende Ladefläche zu erhalten, wodurch bei einer gleichen Nutzlast die Höhe des Fuders bedeutend verringert wird. Zur Ersparung an Zugkraft und Förderung der Fahrbarkeit muß die Reibung zwischen Achsschenkel und Rad möglichst gering sein. Hier finden bei W. für Personentransport fast ausschließlich Patent ach sen Verwendung. Zum Aushalten der W. beim Bergabfahren dient ein quer vor den Hinterrädern liegen der Bremsbaum, der durch eine Schraubenvorrichtung gegen den Umfang des Radreifens gepreßt wird; an diesen Stellen trägt er Bremsklötze, die nach ihrer Abnutzung erneuert werden können. Bei Lastwagen sitzt die Kurbel der Bremsschraube in der Regel hinten am W., bei Personenwagen aber derart, daß sie vom Kutschersitz aus bewegt werden kann. Vgl. auch Hemmschuh. Auch bei Lastwagen werden vielfach Federn zwischen dem Ober- und Untergestell eingeschaltet, um die Zugkraft zu vermindern und die Erschütterungen der Waren zu vermeiden. Vgl. Schaffert, Der Wagenbauer (Ravensb. 1889); Rausch, Der Wagenfabrikant (4. Aufl., Leipz. 1900); Reinsch, 100 moderne W. (Ravensb. 1900) und 100 Geschäfts- und Reklamewagen (das. 1901); Meitinger, Der Chaisen- und Wagenbau (Münch. 1902). Zeitschriften: »Der Chaisen- und Wagenbau« (Münch., seit 1863); »Der Wagenbau« (Berl., seit 1896); »Zentralblatt für Wagenbau etc.« (das., seit 1884).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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