Schlangenbeschwörer

Schlangenbeschwörer

Schlangenbeschwörer (Schlangenzauberer, Giftdoktoren), Personen, die angeblich eine geheimnisvolle Macht über die gefürchtetsten Giftschlangen ausüben, sie herbeilocken, zum Tanzen veranlassen und gegen ihre Bisse gefeit scheinen. Sie bilden seit alten Zeiten in allen warmen Ländern, wo Giftschlangen häufig sind, eine verbreitete Zunft und führen ihre Künste auf öffentlichen Plätzen und gegen Bezahlung vor. Schon die Bibel berichtet von ägyptischen Schlangenbeschwörern, die sich mit Moses in einen Wettstreit einließen; Älian und Plinius erzählen von den Marsern in Italien, die ihren Stammbaum bis auf Circe zurückführten, von den Ophiogenern auf Cypern, die von einer Schlange abzustammen vorgaben, und von den Psyllern in Afrika, die vermöge einer eignen Hautausdünstung von den Schlangen nicht angegriffen würden. Die S. blasen auf Pfeifen oder okarinaartigen Instrumenten eine eintönige Melodie, worauf sich die Schlangen (in der Alten Welt meist die Brillenschlange [Naja tripudians] oder die ägyptische Aspis [Naja Haje]), dem Takte der Musik (oder wahrscheinlicher den Bewegungen des Instruments) folgend, aus ihrem Korb erheben und mit funkelnden Augen den auf der Schwanzspirale gestützten Oberkörper hin und her bewegen (Schlangentanz). Über einen alle zwei Jahre im August unter großem Zulauf von Neugierigen ausgeführten Schlangentanz der Tusayan- oder Moqui-Indianer in Arizona, wobei zahlreiche lebende Klapperschlangen mitwirken, berichtet Bourke in »The snake dance of the Moquis of Arizona« (Lond. 1884). Die S. locken auch die gefürchteten Reptile durch eigentümliche Pfeiftöne aus einem Gehöft zusammen, lassen sich beißen, ohne sich um die Wunden zu kümmern, und die afrikanischen Giftdoktoren beschäftigten sich außerdem mit der Heilung gebissener Personen. Man hat angenommen, die Kunst der S. gründe sich auf eine genaue Kenntnis der Gewohnheiten dieser Reptile, Abrichtung und auf die Verwendung von Schlangen, denen die Giftzähne vorher ausgebrochen seien, oder die ihres Giftes durch vorheriges Beißenlassen auf Filz völlig entleert würden. Nach neuen Beobachtungen und Versuchen wird aber die Giftfestigkeit durch fortgesetzten Genuß oder Impfung von Schlangengift erworben. Manche Künste beruhen nur auf genauer Kenntnis der Natur der Schlangen, soz. B. die in der Bibel berichtete Verwandlung der ägyptischen Aspis in einen Stab. Diese Art streckt sich nämlich infolge einer Art von Starrkrampf steif wie ein Stock aus, sobald man ihre Nackenmuskeln dicht hinter dem Kopf stark zusammendrückt oder sie mit Wasser bespritzt. Auch wendet sie gereizt ihren Blick niemals von einem vor ihren Augen bewegten Gegenstand ab, sie kann ruhig angefaßt werden und folgt nur den Bewegungen des Instruments. Der S. hat nur ihren gelegentlichen Versuchen, in die vor ihre Augen gehaltene Faust zu beißen, auszuweichen. Weitverbreitet ist der Glaube an die schlangenabhaltende und giftwidrige Kraft gewisser Pflanzenstoffe, welche die S. benutzen sollen, um sich giftfest zu machen und Schlangenbisse zu heilen. In dieser Beziehung stehen in Indien und auf den indischen Inseln namentlich die Schlangen- oder Mungowurzel (Ophiorrhiza Mungos) sowie das Schlangenholz (Ophioxylon serpentinum) in großem Ruf. Ägyptische S. waschen sich vor ihren Probuktionen mit der Abkochung einer Aristolochia-Art, ebenso benutzt man Aristolochia Serpentaria in Nordamerika, A. anguicida in Mexiko und Westindien, a. cymbiflora und A. kr agrantissima in Brasilien und Peru als Gegenmittel gegen Schlangenbiß. Auch sollen sich die amerikanischen S. durch regelmäßigen innerlichen Gebrauch und Einimpfung des Saftes der Guacopflanze (Mikania Guaco) giftfest machen. Eine ähnliche Wirksamkeit soll die naheverwandte Eupatoria Ayiapane besitzen.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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