Kolonialschulen

Kolonialschulen

Kolonialschulen. Nachdem in deutschen kolonialen Kreisen immer mehr der Mangel empfunden wurde an Leuten, die (ohne Beamte und Offiziere zu sein) bereit sind, in vielseitiger Leistungsfähigkeit für die wirtschaftliche Ausnutzung der deutschen Kolonien zu arbeiten, wurde durch die Bemühungen des Rheinischen Verbandes vom Evangelischen Afrikaverein eine Kolonialschule ins Leben gerufen, für die man den Ort Witzenhausen a. d. Werra wählte. Man hatte bereits in England und den Niederlanden erkannt, daß eine praktische Vorbildung der Beamten und Kolonisten mit besonderer Berücksichtigung ihrer zukünftigen kolonialen Wirksamkeit unerläßlich ist. Doch sind die School of modern oriental studies in England, die Akademien von Delft und Leiden sowie die französische École coloniale ausschließlich für die Ausbildung von höhern Regierungsbeamten bestimmt und bieten lediglich eine theoretische Unterweisung. Das diesen Anstalten gleichzustellende Seminar für orientalische Sprachen in Berlin berechtigt oder verpflichtet nicht zu einer Anstellung im deutschen Kolonialdienst. Für den praktisch-wirtschaftlichen Beruf in den Kolonien bestehen im Auslande das englische Colonial college and training farms bei Harwich, die holländische Reichsackerbauschule zu Wageningen und die französische Kolonialschule bei Nantes. Während die letztgenannte genau nach dem als Muster genommenen Plane der deutschen Kolonialschule errichtet ist, sind die beiden andern den holländischen und englischen Bedürfnissen angepaßt. Wageningen hat in drei Fachabteilungen (Ackerbau-, Gartenbau- und höhere Landbauschule, welch letzterer noch eine höhere Bürgerschule als Vorbereitung dient) einen vorwiegend theoretisch-wissenschaftlichen Betrieb. Dagegen bietet die englische Anstalt auf einem großen Landgut mit ausgedehnter Viehwirtschaft ihren Schülern, die meist ihre Vorbildung auf den angesehensten Schulen des Landes erhalten haben, eine vorwiegend praktische Ausbildung. Sie steht kaum höher als die deutschen Ackerbau- oder Winterschulen, während die niederländische Anstalt sich den deutschen landwirtschaftlichen Akademien nähert. Die Deutsche Kolonialschule Wilhelmshof bei Witzenhausen hält die Mitte zwischen der vorwiegend wissenschaftlichen holländischen und der vorwiegend praktischen englischen Anstalt. Sie will in erster Linie praktische Wirtschafts- und Plantagenbeamte, Pflanzer, Landwirte, Gärtner und Viehzüchter für die deutschen Kolonien und überseeischen Ansiedelungsgebiete tüchtig und vielseitig vorbereiten. Sie umfaßt die zu diesem Zweck hergerichtete Domäne Witzenhausen, die mit den dazu gekommenen Pachtländereien und großen Hutungsflächen auf 285 Hektar den Betrieb vielseitiger Land- und Viehwirtschaft ermöglicht. Handwerkstätten (Schmiede, Zimmerei, Sattlerei, Schlosserei, Tischlerei, Stellmacherei, Schreinerei, Maurerei) mit Wasserkraftbetrieb von dem mitten durch das Gehöft fließenden Gelsterbach, Gärtnerei, Obstplantage, Weinberge und die umliegenden Staatsforsten bieten Bildungsmittel. Ein naturwissenschaftliches Institut sorgt für den theoretischen landwirtschaftlichen Unterricht. Daneben ermöglichen Tabak- und Konservenfabriken in Witzenhausen, die Forstakademie in Münden, die Bildungsstätten Kassels, insonderheit Gewächshäuser, Gärten und Park von Wilhelmshöhe, und das landwirtschaftliche Institut in Göttingen nebst der Universität jede wünschenswerte Ergänzung der vorhandenen Bildungsmittel. Die Deutsche Kolonialschule Wilhelmshof ist eine 1898 mit einem Kapital von 116,000 Mk. gegründete Gesellschaft mit beschränkter Haftung, an deren Spitze Fürst Wilhelm zu Wied steht. Außer zwölf ständigen Lehrern halten auch mehrere auswärtige gewisse Kurse. Der Betrieb der Anstalt, die (Internat) 1904 von 67 Schülern besucht wurde, gliedert sich in vier Abteilungen: die Schulabteilung, die Abteilung für Gutsverwaltung und Landwirtschaft, die Abteilung für Gärtnerei und Tropenkultur und die Handwerksabteilung. Zu dem zweijährigen, für junge Leute ohne praktische Vorbildung dreijährigen Lehrgang werden nur junge Männer von 17–27 Jahren aufgenommen, doch sind auch abgekürzte Kurse zulässig für Kolonialbeamte, Offiziere, Pflanzer, Kaufleute. Vgl. Fabarius, Nachrichten über die deutsche Kolonialschule Wilhelmshof (Witzenhausen 1899). Organ die Zeitschrift »Der Deutsche Kulturpionier«. – Zu ähnlichem Zweck hatten die P. P. Oblaten der unbefleckten Jungfrau Maria in Hünfeld eine Kolonialmissionsschule ins Leben gerufen, die am 4. April 1903 nach Maria-Engelport bei Treis (Mosel) verlegt worden ist und zu praktischer Ausbildung in Landwirtschaft, Viehzucht, Garten-, Wein- und Obstbau sowie in den verschiedensten Handwerken Gelegenheit bietet. Sie verwendet ihre Zöglinge besonders in Deutsch-Südwestafrika. Endlich soll eine deutsche Ansiedlerschule in Hohenheim bei Stuttgart 1905 eröffnet werden.

Außer den schon genannten K. des Auslandes sind noch folgende französische Anstalten zu nennen. In Marseille wurden ins Leben gerufen: 1893 aus privaten Sammlungen ein Kolonialmuseum, das auch jährlich die »Annales de l'Institut colonial« herausgibt und vom Ministerium der Kolonien eine namhafte Unterstützung erhält; die auf Kosten der Stadt errichtete Kolonialschule (Institut colonial), in der junge Leute für den Kolonialdienst ausgebildet und auch auf Kosten des Staates auf Expeditionen ausgesandt werden; die Schule für Kolonialheilkunde (École de médecine coloniale) mit fünf Lehrstühlen. Endlich wurde in Tunis die École coloniale de Tunis Ende 1899 eröffnet.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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