Entartung

Entartung

Entartung (Degeneration), in der Biologie die Veränderung im Sinn einer rückschreitenden Metamorphose, die zu einem unvollkommnern Zustand der Organisation und Arbeitsteilung führte, als sie bei den Ahnen oder dem diesen gleichenden jugendlichen Lebewesen vorhanden war. Einem solchen Rückgang unterliegen die meisten Pflanzen und Tiere, welche die freie und selbständige Ernährungsweise aufgeben und als Schmarotzer auf Kosten andrer Wesen zu leben beginnen. Diese Pflanzen verlieren mehr oder weniger das Assimilationsvermögen im Licht und damit das Chlorophyll; an die Stelle der grünen Blätter treten bleiche Schuppen (s. Tafel »Darwinismus«, Fig. 26 u. 27). Die Schmarotzertiere verlieren durch Nichtgebrauch ihre Sinnes- und Bewegungsorgane, oft werden ihre Freß- und Kauwerkzeuge durch Saugapparate ersetzt, und manchmal wird das ganze Tier reduziert auf einen bloßen in oder auf dem Körper seines Wirtes festgesogenen oder -gewurzelten Klumpen oder Sack, ohne jegliche Gliederung der äußern Gestalt, wie z. B. bei den Wurzelkrebsen (s. Tafel »Entwickelungsgeschichte I«, Fig. 5 a, mit Textblatt). Einer ähnlichen E. oder rückschreitenden Metamorphose unterliegen auch die meisten Tiere, die, ohne eigentliche Schmarotzer zu sein, die freiwillige Bewegung aufgeben, z. B. auf irgend einem Gegenstand im Wasser festwachsen, z. B. die Rankenfüßer und Rückenflügler (s. Tafel »Entwickelungsgeschichte I«, Fig. 3 a u. Fig. 4,4 a, b). In allen diesen Fällen ist in der Regel das junge Tier, das die Gestalt der Ahnen wiederholt und noch mit seinen vollständigen Organen versehen ist, ein vollkommneres Wesen als das vor Anker gegangene erwachsene Tier, und in vielen Fällen, z. B. bei den letztgenannten Beispielen, konnte die Stellung des Tieres im System und seine natürliche Verwandtschaft erst aus der Beobachtung der Jugendlarve ermittelt werden. Bei manchen Tieren betrifft die E. nur einzelne Organsysteme, so bei den Höhlentieren, welche die Augen einbüßen, die dann nur noch bei ganz jungen Tieren auftreten. Die ältere Darwinistische Schule erklärte diese Erscheinungen durch den Nichtgebrauch der Teile und ihre Unterdrückung durch die Ernährungsansprüche der andern. Weismann nennt den Vorgang Panmixie und eine Kehrseite der Naturzüchtung. Vgl. Ray Lankester, Degeneration (Lond. 1880); Roux, Der Kampf der Teile im Organismus (Leipz. 1881); Weismann, Über den Rückschritt in der Natur (Freib. 1886). – Über E. in der Viehzucht s. d.

In der Medizin bezeichnet man mit E. die rückschreitende Metamorphose der tierischen Gewebe, wobei sie in ihrer chemischen Konstitution und in ihren physikalischen Eigenschaften tiefgreifende Veränderungen erfahren, funktionsuntüchtig und schließlich durch Zerfall der zusammensetzenden Gewebselemente völlig zerstört werden. Die Eiweißsubstanzen der Zellen werden bei der E. in andre Stoffe umgewandelt, auch lagern sich verschiedene Substanzen in abnormer Menge in den Zellen. Die fettige E. leitet man gewöhnlich aus einer Umwandlung des Eiweißes der Zellen in Fett ab, jedoch sprechen neuere Untersuchungen dafür, daß es sich dabei nur um einen Transport von Fett aus andern Körpergegenden in die mehr oder weniger geschädigten Zellen handle. Es entstehen anfänglich wenige, später reichlichere Fetttröpfchen, schließlich zerfallen die Zellen in einen Fettbrei. Die Ursachen sind Ernährungsstörungen der verschiedensten Art. Die fettige E. ist sehr häufig und kommt fast an allen Geweben vor. Die käsige E. beruht teils auf Wasserverlust und Eintrocknen der Zellen, teils auf Gerinnung der flüssigen eiweißhaltigen Gewebsbestandteile und kommt vor allem bei Tuberkulose vor. Die schleimige E. besteht im Auftreten von Schleim in den Zellen, der sich aus deren eiweißreichen Protoplasma entwickelt, kommt vorzugsweise an den Epithelzellen der Schleimhäute und ihrer Drüsen, gelegentlich auch an andern Geweben vor. Die kolloide E. besteht in dem Auftreten einer homogenen, durchsichtigen Substanz, die ein modifiziertes Eiweiß ohne positive chemische Reaktion darstellt. Sie wird besonders an den Zellen der Schilddrüse und beim Gallertkrebs des Magens und Darmes beobachtet. Über die amyloide E. s. Amyloidentartung. Nicht zu verwechseln mit der E. ist die Infiltration, d.h. die Durchsetzung der Gewebe, z. B. mit Fett, Pigment, Kalk oder harnsauren Salzen, bei der die Zellen sich zwar mit jenen Substanzen anfüllen, aber erhalten bleiben. Ost ist allerdings die Infiltration Vorbote der E.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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