Wilbrandt

Wilbrandt

Wilbrandt, Adolf (von), Dichter und Schriftsteller, geb. 24. Aug. 1837 in Rostock als der Sohn eines Universitätsprofessors, studierte Philologie und Geschichte in Rostock, Berlin und München, begann seine literarische Laufbahn in letzterer Stadt, lebte während der nächsten Jahre in Berlin, Frankfurt, Südfrankreich und Rom und siedelte 1871 nach Wien über, wo er sich mit der Schauspielerin Auguste Baudius (s. unten) verheiratete. Hier wurde er 1881 (als Dingelstedts Nachfolger) zum artistischen Direktor des Hofburgtheaters ernannt, von dessen Stellung er im Juni 1887 freiwillig zurücktrat. Er lebte seitdem wieder in Rostock. Wilbrandts literarisches Debüt war die Monographie »Heinrich von Kleist« (Nördling. 1863), welcher der goethisierende Roman »Geister und Menschen« (das. 1864) folgte. Dann wandte er sich vorwiegend der Bühne zu. Mit dem Drama »Der Graf von Hammerstein« (Berl. 1870) und den Lustspielen: »Unerreichbar« (das. 1870, 3. Aufl. 1888), »Die Vermählten« (Wien 1872), »Die Maler« (das. 1872) und »Jugendliebe« (das. 1873, 4. Aufl. 1895) führte er sich glücklich ein. Während seines Wiener Aufenthalts entstanden die Tragödien: »Gracchus, der Volkstribun« (1872), wofür der Dichter 1875 den Grillparzerpreis erhielt, »Arria und Messalina« (1874, 3. Aufl. 1895), »Giordano Bruno« (1874), »Nero« (1876), die Lustspiele: »Die Wege des Glücks« (1876), »Die Reise nach Riva« (1877), »Der Turm in der Stadtmauer« (1878), die Trauerspiele: »Kriemhild« (1877), »Robert Kerr« (1880), die Schauspiele: »Natalie« (1878), »Die Tochter des Herrn Fabricius« (1883), »Assunta Leoni« (1883), die (sämtlich in Wien erschienen) zum Teil Sensationserfolg hatten, aber neben Szenen voll einfach poetischer Kraft eine starke Hinneigung des Dichters zum äußerlichen Bühneneffekt verrieten. Es folgten noch die Schauspiele »Markgraf Waldemar« (1889), »Die Eidgenossen« (Stuttg. 1896), »Hairan« (das. 1900), das viel gespielte Trauerspiel: »Der Meister von Palmyra« (das. 1889, 12. Aufl. 1907), das ihm ebenfalls den Grillparzerpreis eintrug, und das Trauerspiel »Timandra« (das. 1903). Neben der dramatischen Tätigkeit des Dichters lief seine reiche Novellen- und Roman produktion einher. Es erschienen: »Novellen« (Berl. 1869), »Neue Novellen« (das. 1870), »Ein neues Novellenbuch« (Wien 1875), »Fridolins heimliche Ehe« (das. 1875, 4. Aufl. 1907), »Meister Amor«, Roman (das. 1880, 2 Bde.; 3. Aufl. 1901), »Novellen aus der Heimat« (Bresl. 1882, 2 Bde.; 2. Aufl., Stuttg. 1891), »Der Verwalter«, »Die Verschollenen« (Bresl. 1884), »Gespräche und Monologe« (Stuttg. 1889), »Vater und Sohn und andre Geschichten« (das. 1896); ferner die Romane und Erzählungen: »Adams Söhne« (Berl. 1890, 3. Aufl. 1907), »Hermann Ifinger« (Stuttg. 1892, 6. Aufl. 1901), »Der Dornenweg« (das. 1894, 4. Aufl. 1901), »Die Osterinsel« (das. 1895, 4. Aufl. 1902), »Die Rothenburger« (das. 1895, 7. Aufl. 1906), »Hildegard Mahlmann« (das. 1897), »Schleichendes Gift« (das. 1897), »Die glückliche Frau« (das. 1898), »Vater Robinson« (das. 1899), »Der Sänger« (das. 1899), »Erika, das Kind« (das. 1900), »Feuerblumen« (das. 1900), »Ein Mecklenburger« (das. 1901), »Franz« (Stuttg. 1901), »Das lebende Bild« (oas. 1901), »Familie Roland« (das. 1903), »Große Zeiten« (das. 1904), »Fesseln« (das. 1904), »Irma« (das. 1906), »Die Schwestern« (das. 1906). Diese Romane und Erzählungen Wilbrandts, von denen viele durch Form und Inhalt anziehend wirken, erinnern zum Teil an die alten »Schlüsselromane«, weil sie in einer den Kennern durchsichtigen Verhüllung bekannte Persönlichkeiten des Zeitlebens kritisch darstellen, im »Ifinger« den Maler Makart, Graf Schack, in der »Osterinsel« den Philosophen Nietzsche, in den »Rothenburgern« den Orthopäden Hessing etc. Noch sind die Studie »Hölderlin, der Dichter des Phantheismus« (Münch. 1870), die Biographien »Friedrich Hölderlin« und »Fritz Reuter« (in der Sammlung »Führende Geister«, Dresd. 1890; 2. Aufl., Berl. 1896), die Sammlung seiner »Gedichte« (Wien 1874), »Neue Gedichte« (Stuttg. 1889), »Lieder und Bilder« (das. 1907) und die Dichtung: »Beethoven« (das. 1895) zu erwähnen. W. hat auch Goethes »Faust für die Bühne in drei Abenden« eingerichtet (Wien 1895) und Sophokles' und Euripides' »Ausgewählte Dramen, mit Rücksicht auf die Bühne übertragen« (Nördling. 1866 bis 1867, 2 Bde.), in zweiter Auflage Sophokles allein (Münch. 1903) herausgegeben. Seine Selbstbiographie veröffentlichte er u. d. T.: »Erinnerungen« (Stuttg. 1905). Im November 1878 erhielt sv. einen der vom deutschen Kaiser verteilten drei Schillerpreise von 3000 Mk. Vgl. Klemperer, Adolf W. (Stuttg. 1907); »Adolf W., zum 24. Aug. 1907, von seinen Freunden« (das. 1907). – Seine Gattin Auguste, geborne Baudius, geb. 1. Juni 1845 in Leipzig, erhielt ihre Erziehung hauptsächlich von ihrem Adoptivvater, dem Schauspieler Boudius (1796–1860), betrat hier schon 1860 die Bühne als Julie in »Romeo und Julie«, gehörte 1861–78 dem Wiener Burgtheater an und widmete sich später dem Gastspiel.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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