Schriftgießerei

Schriftgießerei

Auf eine Letterngießmaschine nahmen William Wing und Elihu White 1805 ein Patent; die erste praktische Gießmaschine aber wurde 1838 von David Bruce in Brooklyn vollendet. Bis dahin hatte man sich nur des Handgußinstruments bedient. Dieses sowie auch das für den Guß auf der Maschine erforderliche Instrument, die Form, bestehen aus zwei gleich großen, genau schließenden Hälften aus Eisen, Stahl oder Messing, die, je der Stärke der Type entsprechend, enger oder weiter gestellt und leicht und schnell auseinander genommen werden können; das Handgußinstrument ist zum Schutz der Hand außen mit Holz verkleidet. Sind beide Teile der Form zusammengelegt, so bleibt innen eine, nach außen sich konisch erweiternde quadratische Höhlung frei, in die das Metall gegossen wird zur Erzeugung des Buchstabens, dessen Reliefbild, die Type, sich auf einer eingelegten Matrize aus Kupfer formt, die dasselbe vertieft enthält. Die Matrizen werden erzeugt durch Einschlagen von Stahlstempeln (Patrizen) in Kupfer, seltener mittels Graviermaschinen, oder, namentlich bei den größern Schriftgraden, für welche die Patrizen meist in Schriftmetall geschnitten werden und deshalb auch nicht eingeschlagen werden können, auf galvanoplastischem Wege. Galvanoplastische Matrizen aus Nickel für gewöhnliche Druckschriften haben sich außerordentlich widerstandsfähig erwiesen. Von dem Fertigmachen der Matrizen für den Guß, dem Justieren, hängt das gute Aussehen der Schrift im Druck und ihre Brauchbarkeit überhaupt ab. Das im Gießofen geschmolzene Schriftmetall wird, wenn es sich schwacher Rotglühhitze nähert, beim Handguß mit einem Löffel, beim Guß mit der Maschine durch Pumpendruck in die Form gegossen oder gespritzt. Handguß kommt fast nur noch bei Lieferung kleiner Quantitäten und Defekten in Anwendung. Die einfache Gießmaschine, als deren Repräsentanten Fig. 1 die Konstruktion von Küstermann u. Komp. in Berlin zeigt, wird mit der Hand oder mit mechanischer Kraft betrieben; sie dient zum Guß von Brotschriften und für die größern, für Plakate bestimmten Kegel. Ihr Schmelzkessel ist auf der Abbildung sichtbar, ebenso der das Pumpwerk treibende Hebel. Er steht hinter dem gebogenen Hebel, welch letzterer bei seinem Hochgehen das Gießinstrument öffnet, damit die gegossene Type austreten kann. Für den Guß großer Typen bestimmte Maschinen werden zur Kühlhaltung des Gießinstruments mit Wasserleitungen versehen, die auf der Abbildung durch die Gummischläuche angedeutet sind.

1. Einfache Gießmaschine von Küstermann u. Komp. in Berlin.
1. Einfache Gießmaschine von Küstermann u. Komp. in Berlin.

Wenn die Lettern aus der Gußform kommen, muß ein anhaftender Metallzapfen (Anguß) abgebrochen werden, und die feinen Gußnähte, d.h. die Rauheiten, die beim Eindringen des flüssigen Metalls in die Form entstehen, sind durch Schleifen auf einem Sandstein oder auf Letternschleifmaschinen zwischen Stahlplatten mit Feilenhieb zu entfernen. Hierauf werden die Lettern, in langen hölzernen Leisten (Winkelhaken) aufgesetzt, vom Fertigmacher auf dem Bestoßtisch zwischen zwei eisernen Leisten fest eingespannt und mit dem Fußhobel von dem noch verbliebenen Rest des Angusses befreit, wobei zugleich die Höhe mittels des Höhehobels oder der Höhenfräsmaschine nochmals geprüft und berichtigt wird. Man bringt hierauf die ganze Typenreihe wieder in einen hölzernen Winkelhaken, schabt ihre Vorder- und Rückseite mit einer Ziehklinge vollends glatt, untersucht sie mit dem Besehblech auf die Gleichmäßigkeit der Höhe und prüft das Bild der Type auf die Vollendung des Gusses. Unterschnittene Typen, d.h. Lettern, deren Bild nach einer oder der andern Seite größer ist als ihr Körper, somit über ihn hinaushängen muß, können nach den betreffenden Seiten hin nicht geschliffen, sondern müssen mit einem Messer einzeln geschabt und geebnet werden, doch bedient man sich hierzu auch der Unterschneidmaschine. Zur Herstellung großer Typen baut man sehr kräftig wirkende Gießmaschinen oder auch die Klischiermaschine. Ebenso dienen zum Guß des Ausfüllmaterials (Quadraten, Durchschuß, Blei- oder Hohlstege) eigne Instrumente und Maschinen, desgleichen für die langen, in Tabellen etc. zur Verwendung kommenden Linien; diese erhalten die richtige Stärke und Höhe auf einer Ziehbank, während ihr Bild auf dem Bestoßtisch mit Hobeln eingestoßen wird (feine, fettfeine, stumpffeine, azurierte, d.h. aus ganz feinen parallelen Strichen bestehende, gewellte etc.). Dauerhafter sind gewalzte Messinglinien, die ein feineres Bild im Druck geben und die feinen Bleilinien aus bessern Arbeiten fast verdrängt haben.

Eine Gieß- und Fertigmachmaschine (Komplettgießmaschine), welche die Typen gießt, den Anguß abbricht, die Lettern schleift, ihren Fuß ausschneidet, ihnen richtige Höhe gibt und sie schließlich reihenweise aufsetzt, wurde zuerst 1853 von Johnson in England erfunden und mit Atkinson erbaut. Sie dient vorzugsweise zum Guß von Werk- oder Brotschriften und liefert täglich bis zu 30,000 fertige Typen, die sofort zum Satz verwendet werden können.

2. Komplettgießmaschine von Küstermann u. Komp. in Berlin.
2. Komplettgießmaschine von Küstermann u. Komp. in Berlin.

Hephurn vereinfachte und verbesserte die Komplettgießmaschine wesentlich, und in Frankreich bauen Foucher frères in Paris solche Maschinen von anerkannt guter Leistungsfähigkeit, die auch in Deutschland vielfach Aufnahme gefunden haben. Küstermann u. Komp. in Berlin bauen die in Fig. 2 abgebildete Komplettgießmaschine. Sie dient zum Guß von Schrift und Ausschluß von 6 bis zu 14 Punkten (Nonpareille bis Mittel), ist für Kraftbetrieb eingerichtet, wie der rechts oben stehende Konus zeigt, kann aber auch von Hand betrieben werden; in der Regel bedient man sich des Handrades jedoch nur zum Inbetriebsetzen der Maschine. Der vor dem Konus nahezu horizontal stehende Hebel treibt das Pumpwerk, durch welches das mittels Gas-, Erdöl- oder Kohleheizung geschmolzene Schriftmetall in das Gießinstrument, das sich an der Vorderseite der Maschine, ziemlich genau in deren Mitte, befindet, gespritzt wird. Der vordere große Hebel besorgt dessen Schließen, die Fortführung der gegossenen Typen durch die Schleifmesser und das Abbrechen des Angusses. Die Stange unterhalb des vordern Hebels stößt die Typen durch zwei andre Messer und gegen das Fußmesser, die dieselben satzfertig machen und welche jetzt auf den links befindlichen Winkelhaken gelangen. Die größere schraubenförmige Stange vorn dient zum Einstellen der Dickte der Typen und zu deren Hinausstoßen aus dem Gießinstrument; die kleinere führt die Matrize vor das Gießinstrument und zieht sie nach erfolgtem Guß wieder zurück. Die in der Abbildung sichtbaren gebogenen Röhrchen sind Gummischläuche, durch die fortwährend Kühlwasser geleitet wird, um alle Teile der Maschine auf stets gleicher Temperatur zu erhalten und jedem nachteiligen Einfluß zu großer Wärme auf die Genauigkeit des Gusses vorzubeugen.

Bei der Gießmaschine von Wicks befinden sich 100 Matrizen an einem Kreisrade, das sich mit großer Geschwindigkeit dreht, so daß angeblich 60,000 Typen in der Stunde, d.h. das Doppelte einer zehnstündigen Leistung der Komplettmaschine, gegossen werden können. Die Typen werden dadurch so billig hergestellt, daß man den Satz gar nicht ablegt, sondern sofort wieder einschmilzt und stets mit neuen Typen arbeitet. Maschinen, die ebenfalls Einzeltypen gießen, deren eigentliche Bestimmung jedoch die des Setzens ist, sind der Méray-Rozársche Elektrotypograph, die Lanston Monotype und die Gieß- und Setzmaschine von H. Gilbert Stringer (vgl. Setzmaschinen).

Die amerikanische Compositype soll ermöglichen, daß jeder Buchdrucker seine Werk-, Zier- und Titelschriften, ja sogar Einfassungen selbst gießen könne, was namentlich für Akzidenzdrucker von Bedeutung sein würde. Sie ist sehr gedrängt gebaut und gießt Schriften von 6 bis zu 36 Punkten, dabei soll der Wechsel von einer Type oder von einem Grade zum andern nur wenige Minuten erfordern, der Guß aber in jeder Hinsicht, auch was Linie, Höhe und Weite betrifft, tadellos sein.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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