Reims

Reims

Reims (spr. rängs), Arrondissementshauptstadt im franz. Depart. Marne, 86 m ü. M., am rechten Ufer der Vesle und an dem Kanal von der Aisne zur Marne, in einer von Weinbergen umgebenen Ebene der Champagne gelegen, Knotenpunkt der Ostbahn, ist seit 1872 durch Anlage von 12 Forts auf den um liegenden Anhöhen in eine Lagerfestung umgewandelt worden. Die Stadt hat breite Straßen, einige größere Plätze und wird durch Boulevards und hübsche Promenaden von den industriellen Vorstädten geschieden. An Denkmälern besitzt sie Standbilder Ludwigs XV. (auf der Place Royale), des Marschalls Drouet und von J. B. Colbert (beide in R. geboren) kowie der Jeanne d'Arc (von Dubois, 1896). Die Place Godinot ist mit einer schönen Fontäne geziert. Das hervorragendste Bauwerk von R. ist die gotische Kathedrale Notre-Dame, die 1212 begonnen und großenteils im 14. Jahrh. vollendet ward (s. Tafel »Architektur IX«, Fig. 2). Die Fassade mit ihren drei Portalen (vgl. Tafel »Bildhauerkunst VII«, Fig. 4), einer Fensterrose, Arkaden und zahlreichen Statuen und Reliefs ist ein glänzendes Beispiel vollendet durchgeführter Frühgotik. Sie wird von zwei 81,5 m hohen Türmen flankiert, die bei dem Brande von 1481 ihre Spitzen eingebüßt haben. Das Innere ist 139 m lang, bis 49,5 m breit, 38 m hoch und besteht aus einem dreischiffigen Langhaus, einem gleichfalls dreischiffigen Querhaus und einem von fünf Kapellen umgebenen Chor. Die Kirche enthält wertvolle Gemälde, alte Glasfenster, kostbare Gobelins und Teppiche, eine Uhr aus dem 16. Jahrh., eine große Orgel und eine reiche Schatzkammer. Seit 1179 wurden hier die französischen Könige gekrönt. Bis zur französischen Revolution enthielt die Kirche das sogen. Reimser Evangelienbuch (s. d.), auf das die Könige den Eid ablegten, und die berühmte Ampulla (s. d.), mit deren Inhalt die französischen Könige gesalbt wurden. Vgl. Gosset, Cathédrale de R. (Par. 1894); Schäfer, Die Kathedrale von R. (Berl. 1898). Ein alter, sehenswerter Bau ist die um 1049 im romanischen Stil begonnene, gotisch vollendete Kirche St.-Remi mit dem 1847 restaurierten Grabmal des heil. Remigius (vgl. Gosset, Basilique de Saint-Remi à Reims, Par. 1900). Bemerkenswerte Gebäude sind außerdem: das Stadthaus (1627–1880) mit säulengeschmückter Fassade, zierlichem Turm und einer Reiterstatue Ludwigs XIII., der erzbischöfliche Palast (1498 bis 1509) mit einer Kapelle aus dem 13. Jahrh. und großem Festsaal in gotischem Stil, der Justizpalast, das Theater, das Spital (ehemalige Abtei St.-Remi) und mehrere Privatgebäude (wie das Haus der Spielleute oder Musiker) aus dem 13.–16. Jahrh. mit Skulpturen, Reliefs etc. Von Altertümern sind besonders hervorzuheben die Porte de Mars (ein römischer Triumphbogen mit drei Toren, 33 m lang und 13,5 m hoch, aus dem 4. Jahrh. n. Chr.), ein 1860 aufgefundenes römisches Mosaik von 88 qm Fläche und das im Kreuzgang der Abtei St.-Remi befindliche schöne Kenotaphion des Präfekten von Gallien, Jovinus (um 370). R. zählt (1901) 107,848 (als Gemeinde 108,385) Einw. Von hoher Bedeutung ist die Schafwollindustrie von R., die vornehmlich Merinos, Flanelle, seine Tuchsorten und Kleiderstoffe liefert und etwa 24,000 Arbeiter in 20 Spinnereien mit 300,000 Spindeln sowie in 30 Webereien mit 10,000 mechanischen Stühlen beschäftigt und Waren im Wert von 70 Mill. Fr. liefert. Andre Industriezweige sind die Fabrikation von Maschinen, Geldschränken, Gußwaren, chemischen Produkten, Kerzen und Seifen, Öl, Papier, Champagner (50 Fabriken), Flaschen, Korkpfropfen und Fässern, ferner Bierbrauerei, Erzeugung von Pfefferkuchen und Zwieback etc. Von Wichtigkeit ist auch der Handel, insbes. mit Wolle (125–140 Mill. Frank) und Wollwaren, ferner mit Champagnerweinen, für deren Versendung (jährlich 20 Mill. Flaschen) die Stadt den Haupthandelsplatz bildet. Die Weine werden hier in vortrefflichen Kellern, die in den Kreideboden gegraben sind, aufbewahrt. An Unterrichts- und andern öffentlichen Anstalten besitzt die Stadt ein Lyzeum, ein theologisches Seminar, eine Vorbereitungsschule für Medizin und Pharmazie, ein Mädchenlyzeum, mehrere Gewerbeschulen, eine Bibliothek (100,000 Bände und 1800 Manuskripte), ein Kunst- und Antiquitätenmuseum, einen Botanischen Garten, eine Akademie der Wissenschaften, mehrere wissenschaftliche und gemeinnützige Gesellschaften und Wohltätigkeitsanstalten und eine Filiale der Bank von Frankreich. Für den Lokalverkehr besteht eine Straßenbahn. R. ist der Sitz eines Erzbischofs, eines Gerichtshofs, eines Handelsgerichts, einer Ackerbau- und einer Handelskammer. – R., das alte Durocortorum, war die Hauptstadt der Remi (Civitas Remorum oder Remi) und der römischen Provinz Belgica secunda. Um 360 fand das Christentum hier Eingang. Der heil. Remigius bekehrte und taufte hier 496 nach dem Sieg über die Alemannen Chlodwig und viele fränkische Große. Im Vertrage von Verdun 843 fiel R. an Karl den Kahlen und kam so zu Westfranken, bei dem es in der Folge blieb. Ludwig IV. verlieh die Stadt dem Erzbischof Artaldus, und seitdem blieb R. eine Zeitlang in dem Besitz der Erzbischöfe, die sich Grafen von R. nannten. Ludwig VII., der Jüngere, gab 1138 der Stadt R. ein Stadtrecht, und sein Sohn Philipp August verlieh den Erzbischöfen den herzoglichen Titel und setzte sie als Herren über Stadt und Grafschaft ein. Seitdem wurden die französischen Könige in R. gekrönt (s. oben). 813 (von Karl d. Gr.) und 1049 (von Papst Leo IX.) wurden hier Konzile gehalten. 1421 wurde R. von den Engländern, 1429 von Jeanne d'Arc erobert. Am 13. März 1814 fand bei R. ein Gefecht zwischen den Russen unter Saint-Priest (der blieb) und den Franzosen statt, worin letztere Sieger waren. Im deutsch-französischen Kriege ward R. als wichtiger Eisenbahnknotenpunkt im September 1870 von den Deutschen besetzt und Sitz des Generalgouvernements R., zu dem sämtliche nicht dem Generalgouvernement Elsaß-Lothringen unterstellte deutscherseits besetzte Departements gehörten. Vgl. Marlot (gest. 1667), Histoire de R. (Reims 1843–45, 3 Bde.); Galeron, Journal historique de R. (das. 1854, 2 Bde.); Justinus (Baron J. Taylor), R., la ville des sacres (das. 1860); Bazin, R., monuments et histoire (Par. 1899); Dry, R. en 1814 pendant l'invasion (das. 1902).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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