Kiefernspinner

Kiefernspinner

Kiefernspinner (Fichtenspinner, Fichtenglucke, Glucke, Gastropacha [Lasiocampa] pini L., s. Tafel »Forstinsekten I«, Fig. 6), Schmetterling aus der Familie der Spinner (Bombycidae) und der Gattung Glucke (s. d.), 6 cm (das Weibchen bis 8,4 cm) breit, grau oder braun, sehr veränderlich, aber stets mit weißem Halbmondfleckchen auf dem Vorderflügel und unregelmäßiger, rotbrauner Querbinde, findet sich in fast ganz Europa und bis zum Altai, fehlt im nordwestlichen Europa manchen Gegenden ganz, erscheint um Mitte Juli überall, wo Kiefern wachsen, und (besonders das Weibchen) ist sehr träge. Bisweilen unternimmt er weitere Wanderungen. Das Weibchen legt 100–200 blaugrüne, später graue Eier von Größe und Gestalt eines Hanfkorns an den Stamm, die Nadeln oder einen Zweig in Partien bis 50 Stück, besonders an die untern Teile des Holzes. Nach 2–4 Wochen erscheinen die Räupchen (Kiefernraupe), begeben sich alsbald zum Fraß auf die Nadeln und beziehen im Oktober oder November, meist halbwüchsig, Winterlager unter Moos oder Kraut am Fuß der Stämme, wo sie in einer Höhlung uhrfederartig zusammengerollt liegen. Sie sind dunkelbraun, grau oder rötlich mit Weißgrau mannigfach wechselnd, stellenweise mit filziger Behaarung und je einem stahlblauen Samtfleck (Spiegel) in den Einschnitten des zweiten und dritten Ringes, auf den übrigen Ringen sind dunkle Flecke angedeutet. Zur Seite der dunkeln Rückenzeichnung, über den Beinen und hinter dem Kopf stehen Warzenreihen mit Schuppen- und Borstenhaaren. Sie erscheinen zeitig wieder im Frühjahr und beginnen im April den Fraß. Eine einzige Raupe verzehrt zur Erlangung der Reise durchschnittlich 1000 Nadeln, und die halbwüchsige Raupe verzehrt eine Nadel, wenn sie sich nicht unterbricht, in 5 Minuten. Im Juni sind die Raupen ausgewachsen und verspinnen sich in der Krone an Nadeln und Zweigen, am Stamm oder an der Erde. Der Kokon ist wattenartig, fest, schmutzig weiß oder graubraun und enthält eine dunkelbraune Puppe, aus der nach drei Wochen der Schmetterling ausschlüpft. Eier und Raupen sind den Angriffen der Schlupfwespen stark ausgesetzt, und oft kriechen aus einer einzigen Raupe Hunderte von Schlupfwespenlärvchen hervor, um sich auf der allein noch übrigen Raupenhaut zu verpuppen. Auch ein im Innern der Raupen wuchernder Pilz (Botrytis Bassiana) setzt der übermäßigen Verbreitung Schranken. Außerdem werden sie von dem Raubkäfer Calosoma sycophanta und vom Kuckuck gefressen. Der K., der hauptsächlich auf ältern Kiefern lebt, aber auch auf Tannen und Lärchen übergeht, gefährdet besonders 60–80jährige Bestände, auch jüngere Bäume, die auf schlechtem Boden kümmerlich gedeihen. Die Raupe frißt die Kiefern ganz kahl und zerstört auch die Spitzknospen (Triebabbiß), so daß sich der Stamm nicht wieder vollständig erholen kann. Je frischer und besser der Boden, desto seltener ist die Raupe; nach mehreren heißen, trocknen Sommern muß man in großen, reinen Kiefernforsten auf trocknem Sande stets auf das Erscheinen der Raupe vorbereitet sein. Man revidiert zweimal im Jahre, sucht die Raupen im Winterlager, fängt sie durch Anprellen und sammelt auch die Puppen, Schmetterlinge und Eier. Raupen, die Schlupfwespen enthalten, tötet man nicht, weil die ausschlüpfenden Schlupfwespen mehr zur Vertilgung beitragen als die angestrengteste Arbeit. Man sucht die Raupen auch durch Ziehen von Gräben, scharfes Durchforsten der Stangenhölzer und Schonungen und namentlich durch Anbringen eines Teerringes am Stamm zu bekämpfen, hat aber trotz aller Bemühungen immer noch die größten Verluste zu beklagen gehabt. Die Rückenhaare der Raupe besitzen stechende Ästchen und enthalten konzentrierte Ameisensäure. Das häufige Anfassen der Raupen erzeugt bisweilen böse Krankheiten an den Fingern. Wo die Raupen in großer Zahl vorhanden sind, erfüllen die Haare den Boden und die Luft und spießen sich in die Haut von Menschen und Tieren. Sie erzeugen bei Menschen einen Nesselausschlag zuerst in Kniekehle, Schenkelbeuge und Fußgelenk, dann auf dem ganzen Körper. Es entsteht peinigendes Jucken, auch die Schleimhäute erkranken, es kommt zu Schwellungen im Kehlkopf u. Rachen, Augenentzündungen etc. Hunde, Schafe, Ziegen, Rinder, Pferde erkranken gleichfalls. Wild und Singvögel sollen die befallenen Wälder verlassen.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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