Nervenentzündung

Nervenentzündung

Nervenentzündung (Neuritis), entzündlicher Vorgang, bei dem meistens die bindegewebige Scheide des Nervs, das Perineurium, besonders stark entzündet, blutreicher und von Entzündungsprodukten (Zellen) durchsetzt ist, während die Nervenfasern selbst erst in zweiter Linie einer Schwellung, dann der Atrophie verfallen (interstitielle N., bez. Perineuritis bei vorwiegender Erkrankung der Nervenscheide). In andern Fällen handelt es sich ohne eigentliche Entzündung in erster Linie um einen Zerfall der Nervenfasern selbst, indem sie zunächst quellen und dann allmählich aufgesogen werden, dabei treten dann freilich meist entzündliche Erscheinungen in der Nervenscheide später hinzu (parenchymatöse N.). Die Krankheit kann einen Nerv (Mononeuritis) oder viele (Polyneuritis) befallen. Verbreitet sie sich von den kleinsten Nervenästen an der Peripherie auf die zentralern Nervenstämme, so spricht man von aufsteigender (aszendierender) N. Manchmal kann man längs des Nervenstranges knotige Verdickungen der Bindegewebsscheide durch die Haut fühlen (Neuritis nodosa). Ursachen sind zunächst Verletzungen jeder Art, Druck auf den Nerv durch Geschwülste und Narben, Überanstrengungen und Erkältungen (rheumatische N.). Ferner wird N. sehr häufig erzeugt durch Vergiftungen verschiedener Art. Hierher gehört die N. bei Infektionskrankheiten, bei denen die Gifte der Bakterien auf die Nerven einwirken. Dies geschieht besonders häufig bei Diphtherie, Typhus, Tuberkulose, Pocken, Influenza, auch bei Syphilis. Bei manchen Infektionskrankheiten siedeln sich auch die Bakterien im Nerv selbst an und bewirken auf diese Weise eine N., so besonders beim Aussatz, bei septischen Erkrankungen (Pyämie, Kindbettfieber). Ebenfalls durch Giftwirkung auf die Nervenfasern ist die N. bei chronischer Vergiftung mit Blei, Arsenik, Alkohol und andern Giften zu erklären, ferner die bei Stoffwechselstörungen, wie Gicht, Zuckerharnruhr, vorkommende Neuritis. Nach dem Verlauf kann man folgende Formen der N. unterscheiden: 1) die akute N., tritt mit Schüttelfrost, hohem Fieber und einer großen, auf Druck sich steigernden Schmerzhaftigkeit im ganzen Verlauf des erkrankten Nervs auf; gleichzeitig zeigen sich, falls der Nerv motorische Fasern enthält, Zuckungen oder auch Kontrakturen der Muskeln. Eine anfangs gesteigerte Hautempfindlichkeit an den erkrankten Stellen macht bald einem Gefühl von Taubheit Platz. Allmählich bildet sich eine motorische Schwäche aus, die bis zur vollständigen Lähmung sich steigern und dann mit Muskelschwund verbunden sein kann. Bei Anwendung des elektrischen Stromes zeigt sich Entartungsreaktion (s. d.). Neben den Störungen der Hautempfindlichkeit und der Bewegung finden sich manchmal auch Störungen der Gefäßinnervation (Blässe und Röte), Ataxie, d.h. mangelhafte Abstufung der Muskelwirkungen, Ernährungsstörungen (Gürtelrose). 2) Andre Fälle von N. verlaufen von vornherein chronisch, auch geht die akute N. häufig in chronischen Verlauf über. Der Verlauf der akuten Neuritis sowohl wie der Verlauf und Ausgang der chronischen hängen in erster Linie von der jeweiligen Ursache ab; kann diese entfernt werden, so kann häufig nach hinreichend langer Zeit noch Heilung eintreten, wenn nicht, so tritt absolute Lähmung mit vollständiger Entartung der Muskeln ein. 3) Die: multiple degenerative N. (Polyneuritis) kommt, entsprechend dem auf den ganzen Körper sich erstreckenden Wirkungsbereich der Bakteriengifte, besonders im Gefolge von Infektionskrankheiten vor. Es befällt hierbei die N. die Nervenbahnen der verschiedensten Körperteile, oft fast das gesamte periphere Nervensystem. Besonders ausgeprägt ist dieses Krankheitsbild bei der in Ostasien epidemisch auftretenden, mit Beriberi (in Japan als Kak-ke) bezeichneten Krankheit. Unter hohem Fieber treten Kreuzschmerzen und heftige, reißende Schmerzen in den Extremitäten auf, zuweilen mit Gelenkschwellungen verbunden, bald gesellen sich Lähmungserscheinungen hinzu. In schweren Fällen können diese letztern sich rasch steigern und durch Übergreifen auf die Atmungsmuskulatur den Tod herbeiführen, der in andern Fällen erst nach längerer Dauer der Krankheit durch allmähliches Weiterkriechen des Prozesses eintritt. Aber auch Heilungen kommen vor. Immer aber verbinden sich die Lähmungssymptone mit Muskelschwund, der auch bei erfolgender Heilung oft noch monatelanger, auf die Wiederherstellung der Funktion der Muskeln gerichteter Behandlung bedarf. Ost bleiben aber auch in diesen Fällen Lähmungen einzelner Teile zurück. Eine besondere Form der multipeln N. ist 4) die durch Alkoholvergiftung hervorgerufene N. (Pseudotabes). Bei dieser zeigen sich die reißenden Schmerzen meist in den untern Gliedmaßen, die bald Lähmungssymptome darbieten, die mit deutlichen ataktischen Störungen verbunden sind und in vollständige Lähmung mit Atrophie übergehen können. Wie bei Rückenmarksschwindsucht, schwindet bei dieser N. das Kniephänomen, aber es fehlen Gürtelgefühl und Blasenstörungen. Das Leiden fordert Abstellung des Alkoholmißbrauchs, andernfalls endet es nach langem chronischen Verlauf infolge der fortschreitenden Lähmung mit dem Tode. Durch besondere Bevorzugung einzelner Nerven fallen andre Formen von N. auf; bei der Bleineuritis wird meistens der Nervus radialis gelähmt, der die Handstreckmuskeln am Unterarm versorgt, bei der Diphtherieneuritis tritt Lähmung der Gaumensegels, der Kehlkopf- und äußern Augenmuskeln besonders häufig auf. Die Behandlung der N. besteht zunächst in möglichster Beseitigung der Ursachen. Bei Erkältungen sind Salizylpräparate erforderlich. Wichtig ist Ruhigstellung der ergriffenen Körperteile, gegen die Schmerzen sind Morphium. Eis oder auch warme Umschläge bewährt. Nach Ablauf des akuten Stadiums müssen Elektrizität, Massage, Bäder etc. angewendet werden. Vgl. Remak und Flatau, Neuritis und Polyneuritis (in Nothnagels »Pathologie und Therapie«, Wien 1899 u. 1900).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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