Auerbach [2]

Auerbach [2]

Auerbach, 1) Heinrich (eigentlich Stromer), Professor der Medizin und Senator in Leipzig, geb. 1482 zu Auerbach in der bayr. Oberpfalz, gest. 1542, erbaute 1530 in der Grimmaischen Straße zu Leipzig ein Haus, das mit seinem langen, winkeligen Hof (Auerbachs Hof) früher der Sammelplatz des Neuesten und Schönsten war, was von Waren auf die Messen kam. Besonders berühmt ist der noch jetzt bestehende Weinkeller daselbst (Auerbachs Keller) durch seine Beziehung zur Faust-Sage, die Goethe verwertet hat. Von hier aus läßt die Sage den Doktor Faust auf einem gefüllten Faß hinausreiten, das herauszuziehen die sogen. Weißkittel vergebens versucht hatten. Noch heute besitzt der Keller zwei alte, um 1600 gemalte, jedoch mit der Jahreszahl 1525 bezeichnete Ölbilder, die sich auf die Sage beziehen. Vgl. A. Wustmann, Der Wirt von Auerbachs Keller etc. (Leipz. 1902).

2) Berthold, Schriftsteller, geb. 28. Febr. 1812 im Dorfe Nordstetten im württembergischen Schwarzwald, gest. 8. Febr. 1882 in Cannes, entstammte einer unbemittelten jüdischen Familie, studierte seit 1832 in Tübingen, München und Heidelberg erst die Rechte, dann Philosophie und begann früh zu schriftstellern. Von den Verfolgungen der Burschenschaft betroffen, wurde er 1837 zwei Monate auf dem Hohenasperg gefangen gehalten. In seinem ersten Roman: »Spinoza« (Stuttg. 1837, 2 Bde.), bekundete er seine Vorliebe für diesen Denker und für jüdisches Leben, offenbarte seine philosophische Grundrichtung und seinen scharfen Verstand, Eigenschaften, die auch in seinen spätern, scheinbar ganz anders gearteten Werten immer wieder hervortreten. In dem nächsten Roman: »Dichter und Kaufmann« (Stuttg. 1839, 2 Bde.; 4. umgearb. Aufl. 1860), schildert A. das bewegte Leben des Breslauer Epigrammatikers Moses Ephraim Kuh (1731 bis 1790) und gibt ein interessantes Bild von dem Leben der deutschen Israeliten des 18. Jahrhunderts. Bald ließ er eine Übersetzung der Werke Spinozas mit Biographie folgen (Stuttg. 1841, 5 Bde.; 1871, 2 Bde.). Aber den sichern Boden für sein Talent fand er erst, als er die Erinnerungen an sein heimisches Dorf im Schwarzwald zum Gegenstand ansprechender Erzählungen machte. Seine »Schwarzwälder Dorfgeschichten« (1843–53, 4 Bde.) erwarben A. seine europäische Berühmtheit vor allem durch die glückliche Schilderung des Milieus. Von einfachen Genrebildern steigt der Dichter darin zu tragischen Erzählungen empor. Zu den beliebtesten gehören »Der Lauterbacher«, »Die Frau Professorin«, »Ivo der Hajrle« und »Der Lehnhold«. Seine theoretischen Grundsätze in volkstümlicher Schriftstellerei entwickelte A. in »Schrift und Volk« (Leipz. 1846). Von ähnlicher Gesinnung erfüllt war der von ihm herausgegebene verbreitete Volkskalender »Der Gevattersmann« (1845 bis 1848), dem er später den »Volkskalender« (1858 bis 1869) folgen ließ. A., der seit 1850 in Dresden. seit 1859 in Berlin lebte, scheiterte mit seinen dramatischen Versuchen »Andree Hofer« (Leipz. 1850) und »Der Wahrspruch« (das. 1860), auch sein sozialer Roman aus der Gegenwart »Neues Leben« (Mannh. 1851, 3 Bde.) hatte wegen seiner ausgeklügelten und überdies wenig künstlerisch komponierten Handlung keinen Erfolg. Dagegen traf er mit den neuen Dorfgeschichten »Barfüßele« (Stuttg. 1856, 34. Aufl. 1902), »Joseph im Schnee« (das. 1861) und »Edelweiß« (das. 1861) wiederum den Geschmack des Publikums, und dies um so mehr, als er seine geschminkten Bauerngestalten mit Gefühlen ausstattete, die einem verwöhnten städtischen Lesepublikum entsprachen. Viel Beifall gewann das gedankenreiche Zeitbild seines Romans »Auf der Höhe« (Stuttg. 1885, 3 Bde.; 14. Aufl. 1893), auch der Roman »Das Landhaus am Rhein« (das. 1868, 3 Bde.; 4. Aufl. 1874) fand trotz mangelhafter Komposition wegen seiner reichen philosophischen Reflexionen sein Publikum. Dagegen bereitete sein nächster Roman: »Waldfried« (das. 1874, 3 Bde.), mit seinem zerhackten Stil und seiner zerfahrenen, uninteressanten Komposition größern Kreisen eine Enttäuschung. Die neuen Dorfgeschichten »Nach dreißig Jahren« (das. 1876, 3 Bde.) standen, wie die meisten Fortsetzungen, nicht auf der Höhe der ersten Sammlung, und die Erzählungen »Landolin von Reuters hösen« (Berl. 1879) und »Brigitta« (Stuttg. 1880) verraten noch mehr die abnehmende Kraft. Mit Beifall begrüßt war vorher die von Menzel, Kaulbach, L. Richter und Meyerheim illustrierte Sammlung »Zur guten Stunde« (Berl. 1872, 2 Bde.) und die »Tausend Gedanken des Kollaborators« (das. 1876). A., eine lebendige, redselige Natur, hatte am pointenreich zugestutzten Wort eine auffallende Freude; die »Schlager« und »Drucker«, die ihm reichlich einfielen, konnte er nicht unterdrücken. Seine Bauern sind nur halb echt. Kluge Berechnung und theoretische Reflexion bestimmte sein Schaffen fast mehr als die Freude an der lebendigen Vergegenwärtigung der schönen Eindrücke seiner frühen Jugend. Die antisemitische Bewegung, deren ersten Ansturm er noch erlebte, nahm er sich sehr zu Herzen. Seine »Schriften« gab er zuerst 1851–59 in 20 Bänden heraus, die neueste Ausgabe (Stuttg. 1893–95, 18 Bde.) enthält nur seine besten Romane. »Sämtliche Schwarzwälder Dorfgeschichten« erschienen 1900 in 10 Bänden. Aus seinem Nachlaß erschienen »Dramatische Eindrücke« (Stuttg. 1893). Vgl. »Auerbachs Briefe an seinen Freund Jakob A., ein biographisches Denkmal« (Frankfurt a. M. 1884, 2 Bde., mit einer Vorbemerkung von Spielhagen); Ed. Lasker, Berthold A., eine Gedenkrede (Berl. 1882).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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