Materĭe

Materĭe

Materĭe (lat. materia), im allgemeinen gleichbedeutend mit Stoff, also im Gegensatz zur Form zunächst das Sachliche, Gegenständliche, der Inhalt im Unterschiede von der Art und Weise der Erscheinung, Gestaltung, Behandlung. In der Naturwissenschaft alles, was eine Kraft ausüben, d. h. Umwandlung einer Energieform in eine andre (s. Energie) bewirken kann. Da wir selbst eine Kraft (Muskelkraft) ausüben können und dabei die Empfindung haben, daß unsre Person (unser Ich) die Kraft ausübt, so denken wir uns in jedem Fall einer Kraftwirkung ein Wesen, das existiert wie unser Ich, als Träger der Kraft, da es uns nur so möglich ist, die Kraftwirkung zu »begreifen«, d. h. sie in Gedanken selbst auszuüben. Und so wie unser Ich ein unteilbares Wesen (Individuum) ist, so können wir uns auch die Träger der Kräfte nur als unteilbare Wesen (Atome) vorstellen, die M. muß also aus Atomen zusammengesetzt sein. Beweisen kann man die Existenz solcher Atome nicht, es ist indes in manchen Fallen unmöglich, auch nur eine einfache Beschreibung der Erscheinungen zu geben, ohne von Atomen zu sprechen (z. B. Beschreibung der Identität der Lösung von Mischkristallen mit einem Gemisch der Lösungen ihrer Bestandteile, da hierzu unendlich viele neue Bezeichnungen eingeführt werden müßten). Eine Unsicherheit der wissenschaftlichen Ergebnisse wird hierdurch nicht bedingt, da solche Beschreibungen nur aussagen, die Erscheinungen vollziehen sich so, »als ob« Atome existierten, ohne damit ihre wirkliche Existenz zu behaupten. Nach Ostwald gibt es tatsächlich keine Atome, keine Materien, diese sind vielmehr nur als Anhäufung von Energien zu betrachten (s. Energetik). Mit dieser Annahme geht aber die Möglichkeit, die Erscheinungen zu begreifen, verloren, und dem hierdurch entstehenden Schaden steht keinerlei Nutzen gegenüber, außer dem, daß allzu extravagante Phantasien über die Welt der Atome von vornherein abgeschnitten werden.

Die unter den heutigen Physikern und Chemikern verbreitetste Anschauung, wie sie sich aus den Theorien von Laplace, Ampère, Poisson, Cauchy, Redtenbacher etc. entwickelt hat, läßt sich etwa in folgender Weise zusammenfassen: jedes Atom ist unveränderlich an Masse, Volumen und Gestalt; es gibt so viele verschiedene Arten von Atomen, als es chemische Elemente gibt. Die Atome ziehen sich gegenseitig an, bei größerm Abstand nach dem umgekehrten Verhältnis des Quadrats der Entfernung (Gravitation), bei sehr kleinem Abstand in viel größerm Verhältnis; die letztere Anziehungskraft (Molekularattraktion) ist nur in unmeßbar kleiner Entfernung tätig, für größere Entfernungen wird sie unmerklich. Durch eine ähnliche Anziehungskraft, die chemische Anziehung oder Affinität genannt wird, werden die Atome zu gesetzmäßig aufgebauten Atomgruppen oder Molekülen verbunden, wogegen letztere durch die zwischen ihnen wirksame Anziehung (Kohäsion) zu einem Körper vereinigt werden. Bei physikalischen Vorgängen bleibt das Molekül unversehrt, während chemische Wirkungen in seinen Bau verändernd eingreifen. Außer der von der Schwerkraft beeinflußten (ponderabeln) M. muß zur Erklärung der Naturerscheinungen noch eine von ihr völlig verschiedene, den unendlichen Weltraum sowie die Zwischenräume zwischen den materiellen Atomen erfüllende imponderable Zwischensubstanz, der Äther, als Träger der elektrischen und Lichterscheinungen angenommen werden, den man sich aus gleichen Gründen wie die ponderable M. aus Atomen zusammengesetzt denkt. Die Größe der chemischen Verbindungswärme macht es wahrscheinlich, daß die Kräfte, welche die Atome verbinden, elektrischer Natur sind. Zu gleichem Ergebnis führen die Untersuchungen über flüssige Kristalle, aus denen hervorgeht, daß eine »molekulare Richtkraft« auftreten kann, welche die Moleküle parallel richtet, ohne daß sich die Existenz dieser Kraft durch Elastizität des Körpers kundgibt. Auf die Annahme elektrischer Atomladungen (Valenzladungen, Elektronen) führen ferner die elektrolytischen Erscheinungen (s. Elektrolyse), die elektromagnetische Lichttheorie (s. Dispersion, Zeemans Phänomen), die elektrischen Entladungen, Kathodenstrahlen, Becquerelstrahlen etc. Die Eigenschaften der vollkommenen Gase (s. Gase) lassen sich befriedigend erklären ohne Annahme von Kräften zwischen deren Molekülen, lediglich durch die Annahme einer sehr lebhaften Bewegung derselben (kinetische Gastheorie, s. Wärme); bei starker Volumverminderung durch Abkühlung oder Kompression zeigen sich indes Abweichungen von den einfachen Gesetzen, die sich teilweise durch das Hervortreten der Molekularkräfte erklären lassen, teilweise durch Änderung der Moleküle selbst (s. Aggregatzustände). Vgl. Lehmann, Molekularphysik (Leipz. 1898) und Flüssige Kristalle (das. 1903).

In der Philosophie bezeichnet M. in unbestimmterm Sinne das im Raum vorhandene, sicht- und tastbare Reale überhaupt (also materiell soviel wie körperlich), dann bestimmter die beharrende Grundlage (das substantielle Substrat) der Körperwelt im Gegensatz zu den wechselnden sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungen. Im Begriff der M. sind also zwei Grundbestimmungen enthalten, daß sie unvergänglich ist und zugleich den zureichenden Realgrund der Gesamtheit aller äußern Erscheinungen bildet. So finden wir schon bei den ionischen Naturphilosophen die Vorstellung einer Grund- oder Urqualität (eines Grund- oder Urstoffes), aus deren wechselnden Modifikationen alle noch so verschiedenen konkreten Stoffarten hervorgehen sollten (nach Thales ist die Feuchtigkeit, nach Anaximenes die Luft die Grundlage der Körperwelt). Während Platon alle Qualitäten als vergänglich betrachtete und einen eigenschafts- und formlosen, aber aller Eigenschaften und Formen fähigen Urstoff (die »Hyle«) annahm, legte Aristoteles seiner Naturerklärung die Voraussetzung einer Mehrzahl sich in wechselnder Weise verbindender Urqualitäten zugrunde. Dieser qualitativen Elementenlehre hatten aber schon Leukipp und Demokrit in ihrem Atomismus (s. d.) eine quantitative entgegengestellt, bei welcher Gestalt und Große als die alle sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften und Zustände der Körper bedingenden Grundbestimmungen der qualitativer Merkmale und Unterschiede ganz entbehrenden, also überall gleichartigen M. betrachtet und alle Veränderungen der Körperwelt auf die Bewegungen unveränderlich beharrender Elemente (Atome) zurückgeführt werden. Auf dem Boden dieser von der neuern Naturphilosophie im wesentlichen angenommenen Anschauung hat sich ein Gegensatz zwischen Kontinuitäts- und atomistischen Hypothesen geltend gemacht. Erstere nehmen an, daß die M. den Raum vollständig ausfüllt, letztere, daß zwischen ihren Elementen leere Zwischenräume vorhanden sind, wobei jene entweder als ausgedehnt (Korpuskeln) oder als streng punktförmig (absolute Atome) gedacht werden können. Hierzu kommt dann noch weiter der Unterschied der kinetischen (mechanischen) und der dynamischen Auffassung der M. Nach jener sind die Stoffteilchen völlig indifferent gegen die Bewegung, die ihnen von außen (durch Stoß) mitgeteilt werden muß; nach dieser sind die Bestandteile der M. Träger von (anziehenden und abstoßenden) Kräften, auf denen auch die Raumerfüllung (Ausdehnung) der Körper beruht. So vertritt z. B. Descartes den Standpunkt der kinetischen, Kant den der dynamischen Kontinuitätshypothese, Hobbes den des kinetischen, Boscovich den des dynamischen Atomismus. Von den philosophischen Annahmen über das Wesen der M. ist auch die neuere Naturwissenschaft vielfach beeinflußt worden. Vor allem betrachtet auch sie die sinnlichen Qualitäten (Farbe, Geruch etc.) als nicht zum Wesen der M. gehörige, sondern in der Konstitution des wahrnehmenden Subjekts begründete (sekundäre) Bestimmungen. Als das wesentlichste Merkmal der M. gilt ihr die Masse (bez. das Gewicht), weil diese allein bei allen Naturprozessen unvermehrt und unvermindert bleibt und somit dem logischen Postulat der Konstanz der M. entspricht; im übrigen wird die Naturwissenschaft weniger durch die abstrakten Forderungen des Denkens als durch das Bedürfnis der Erklärung der Erfahrungstatsachen geleitet, und daher ist der naturwissenschaftliche Begriff der M. nicht feststehend, sondern in beständiger Umbildung begriffen. So hat die Chemie zwar längst die atomistische Hypothese als für ihre Zwecke sehr brauchbar angenommen, betrachtet aber die Atome nicht als qualitativ gleichartig, sondern als verschiedenartig, weil sie anders die Verschiedenheit der Stoffe (bis jetzt) nicht zu erklären vermag. Auch die Physik sieht sich aus demselben Grunde gezwungen, zweierlei M., die ponderable M. und den Äther, vorauszusetzen; zugleich herrscht in dieser ein noch unausgeglichener Streit zwischen der kinetischen und der dynamischen Auffassung der M. etc., zu denen neuerdings noch die energetische hinzugekommen ist, die unter Preisgabe des Begriffs eines Kraftträgers die Kraft selbst als das Substantielle ansieht (s. oben). Ganz in den Bereich der transzendenten (außer jeder Beziehung zur Erfahrung stehenden) Spekulation fällt die Frage nach dem metaphysischen Wesen der M.:ob sie im Sinne des Dualismus und Materialismus eine unbedingte Realität besitzt, oder ob sie im Sinne des Nihilismus ein reines »Nichts«, oder in dem des Spiritualismus und Idealismus bloßes »Phänomen des Geistes« (»verworrene Vorstellung«: Leibniz), oder in dem des Kritizismus »Erscheinung« eines oder mehrerer der Beschaffenheit nach unbekannter »Dinge an sich« ist. – In der Pathologie bezeichnete man früher den Eiter in Wunden, Geschwüren etc. als M.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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