Veda

Veda

Veda, der älteste Teil der indischen Literatur, der sich sowohl durch den Inhalt als auch durch die Sprache nicht unwesentlich von der spätern Sanskritliteratur unterscheidet. Der V. (»heiliges Wissen«) liegt in den drei Stufen: Mantra (heil. Sprüche), Brâhmana (Theologie) und Sûtra (eigentlich Faden, Band) vor, die den vier Veden: Rik, Sâman, Jadschus, Atharvan in etwa gleicher Weise gemeinsam sind. Mantra, auch Samhitâ (»Sammlung«), der älteste Teil, sind Hymnen und Sprüche, meist mit Beziehung auf rituelle Vorgänge, zum Teil in sehr alte Zeiten hinausreichend. Die Brâhmana behandeln die Verbindung der Opferlieder und -Sprüche mit der Opferhandlung und erklären deren geheimen Sinn, bei welcher Gelegenheit sie zahlreiche Legenden erzählen. Überwiegend philosophischer Inhalt (Spekulationen über das Brahma, das Allwesen) kommt den Teilen der Brâhmana zu, die den speziellen Namen Upanischad führen. Die Sûtra endlich stellen die Opferriten und verwandte Gegenstände systematisch dar; sie streben im Ausdruck nach äußerster, oft bis zur Dunkelheit gehender Knappheit. Man unterscheidet: Kalpa-Sûtra oder Çrauta-Sûtra, die das Ritual der größern Opfer behandeln, und Smârta-Sûtra, die das häusliche und bürgerliche Leben regeln; letztere zerfallen in Grihja-Sûtra (Hausregeln), welche die häuslichen Zeremonien bei Geburt, Hochzeit, Tod etc. zum Gegenstand haben, und Dharma-Sûtra, welche die Anfänge indischer Rechtsliteratur enthalten. An sie schließen sich noch andre Erklärungsschriften an, die Aussprache, Metrum, Grammatik, Etymologie und Astronomie behandeln; wichtig sind besonders die Nighantavas, Glossensammlungen, mit dem alten Kommentar (niruktam) des Jâska (hrsg. von Roth, Götting. 1852) und die Prâtiçâkhja mit Angaben über Aussprache, Betonung u. dgl. der heiligen Texte.

Die Samhitâ des Rigveda enthält den Liederschatz, den die Inder in ihren Stammsitzen am Indus und im Pandschab schufen, und dessen älteste Hymnen bis in die erste Hälfte des zweiten Jahrtausends v. Chr. (nach einigen in noch viel höheres Altertum) hinausreichen mögen. Der Rigveda ist eingeteilt in 10 Mandala (Kreise) mit 1017 Hymnen (Sûkta) in 10,580 Versen (Rik); die einzelnen Mandala werden verschiedenen Sängerfamilien zugeschrieben, nur das 1., 8., 9. und 10. enthalten Lieder von Sängern (Rischi) verschiedener Geschlechter; innerhalb der einzelnen Mandala sind die Hymnen nach den Gottheiten geordnet, an die sie gerichtet sind, zuerst Agni, dann Indra etc.; das 9. Buch enthält nur Hymnen an Soma. Die Lieder des Rigveda enthalten die ältesten Nachrichten über die historischen und sozialen Verhältnisse der Inder, wie auch ihre Sprache an Altertümlichkeit das spätere Sanskrit bedeutend überragt; dagegen ist die Bedeutung der Lieder für die vergleichende indogermanische Mythologie überschätzt worden. Ein wertvoller Kommentar ist uns aus dem 14. Jahrh. n. Chr. von Sajana erhalten. Ausgaben von M. Müller (Lond. 1849–75, 6 Bde.; 2. Ausg., das. 1890 ff., 4 Bde.), von Aufrecht (2. Aufl., Bonn 1877, 2 Bde.). Zur Textgeschichte und Kritik vgl. Oldenberg, Hymnen des Rigveda (Bd. 1, Berl. 1888). Übersetzungen von H. Graßmann (Leipz. 1876–77, 2 Bde.), von A. Ludwig (Prag 1875–88, 6 Bde.), K. Geldner und A. Kägi (»70 Lieder des Rigveda übersetzt«, Tübing. 1875); engl. von Griffith (2. Ausg., Benares 1896–1897, 2 Bde.); einzelne Abschnitte von M. Müller und OldenbergSacred Books of the East«, Bd. 32 u. 46, Oxf. 1891, 1897). Zum Rigveda gehören: das Aitareja-Brâhmana (hrsg. mit Übersetzung von M. Haug, Bombay 1863, 2 Bde.; Textausg. von Aufrecht, Bonn 1879) und das Kauschîtaki-Brâhmana (hrsg. von Lindner, Jena 1887), von Sûtren das Âçvalâjana-Sûtra (hrsg. in der »Bibliotheca Indica«, Kalk. 1864–74) und das Çânkhâjana-Sûtra (hrsg. von Hillebrandt, das. 1885 ff.), ferner ein sehr wichtiges Prâtiçâkhja-Sûtra von Çaunaka (hrsg. von M. Müller, Leipz. 1869). Die Samhitâ des Sâmaveda ist im wesentlichen eine Anthologie aus der des Rigveda, die Verse derselben umfassend, die beim Somaopfer gesungen werden. Sâman bedeutet Melodie; nach strengerer Auffassung ist der Sâmaveda als Sammlung vielmehr von Melodien als von Texten zu betrachten (Ausg. von Th. Benfey, mit Übersetzung und Glossar, Leipz. 1848; in der »Bibliotheca Indica«, Kalk. 1874–78, 5 Bde.). Der Jadschurveda (Jadschus, soviel wie Opferspruch) enthält poetische und prosaische Sprüche für das gesamte Opferzeremoniell und ist uns in mehreren Rezensionen bekannt, von denen die wichtigsten sind die Maitrâjanî-Samhitâ (hrsg. von v. Schröder, Leipz. 1881–86, 4 Bde.), das Kâthaka (Buch 1, hrsg. von demselben, das. 1900), und die Taittirîja-Samhitâ (hrsg. von A. Weber in den »Indischen Studien«, Bd. 11 u. 12, 1871–72), diese drei auch schwärzer Jadschurveda genannt, ferner die Vâdschasaneji-Samhitâ, auch weißer Jadschurveda (hrsg. von A. Weber, Berl. 1852). Höchst wichtig ist das Çatapatha-Brâhmana zum weißen Jadschus, durch Umfang und Inhalt das bedeutendste von allen Brâhmana, stellenweise besonders interessant durch seine Beziehungen zur spätern epischen Poesie der Inder (Ausg. von A. Weber, Berl. 1855; übersetzt von Eggeling in den »Sacred Books of the East«, Bd. 12, 26, 41, 43 u. 44, Oxf. 1882–1900). Die Samhitâ des Atharvaveda (vgl. Bloomfield, The Atharvaveda, in Bühlers »Grundriß der indoarischen Philologie«, Straßb. 1899) enthält in 20 Büchern (Kânda) etwa 760 Hymnen, wovon etwa ein Fünftel aus der Riksamhitâ stammt, meist Zauberformeln, Verwünschungen, Beschwörungen böser Geister, Sprüche für allerlei Vorkommnisse des täglichen Lebens (Ausg. von Roth und Whitney 1855–56; eine Prachtausgabe eines Manuskripts einer kaschmirischen Textrezension haben Bloomfield und Garbe 1901 publiziert; engl. Übersetzung von Whitney, Cambr. [Mass.] 1905, 2 Bde.; hundert Lieder, übersetzt von Grill, 2. Aufl., Stuttg. 1888; engl. Übersetzung einer Auswahl der Hymnen von Bloomfield, »Sacred Books of the East«, Bd. 42, Oxf. 1897). Hier seien auch noch P. Deussens Übersetzungen der Upanischads (»Sechzig Upanischads des V.«, 2. Aufl., Leipz. 1905, und »Die Geheimlehre des V.«, ausgewählte Texte der Upanischads, das. 1907) und die in den »Sacred Books of the East« (Oxford) enthaltenen Übersetzungen der Grihja-Sutras von Oldenberg (Bd. 29 u. 30) sowie der Dharma-Sûtras von Bühler (Bd. 2 u. 14) und Jolly (Bd. 7 u. 33) erwähnt. Das ganze ungeheure Korpus der Vedaliteratur, das im großen ganzen wohl schon vor dem 6. Jahrh. abgeschlossen war, ist ohne Zweifel sehr lange Zeit nur mündlich fortgepflanzt worden, was den Brahmanen mit bewunderungswürdiger Treue gelungen ist. Noch heute gibt es Brahmanen, die einen ganzen V. auswendig wissen und so gewissermaßen eine lebendige Bibliothek bilden. Die Vortragsweise ist bis in die kleinsten Einzelheiten treu überliefert; neben dem Vortrag nach den Regeln, wie sich die Wörter eines Satzes zu einer Einheit verschlingen, dem Samhitâtext, gab es eine für alle vier Sammlungen auf uns gekommene Vortrags-, jetzt Schreibweise, den Padatext, in der die Verschlingungen alle aufgehoben sind und die Wörter in der Gestalt erscheinen, die sie außerhalb des Satzes haben. Vgl. Colebrooke, On the Vedas (Kalk. 1805; deutsch von Poley, Leipz. 1847); Roth, Zur Literatur und Geschichte des Weda (Stuttg. 1846); M. Müller, History of ancient Sanscrit literature (2. Aufl., Lond. 1860); Muir, Original Sanscrit texts (1858 bis 1872, 5 Bde.; teilweise in 3. Aufl.); A. Kägi, Der Rigveda (2. Aufl., Leipz. 1881); H. Zimmer, Altindisches Leben. Die Kultur der indischen Arier nach der Samhitâ dargestellt (Berl. 1879); Pischel und Geldner, Vedische Studien (Stuttg. 1889–97, 2 Bde.); Oldenberg, Vedaforschung (Stuttg. 1905); M. Winternitz, Geschichte der indischen Literatur (1. Halbband, Leipz. 1905).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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